ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

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Vor der Universität

In Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ (1915) wartet ein Mann vom Lande bis zu seinem Lebensende, dass ihm Eintritt in das Gesetz gewährt wird. Er sitzt dort Tage und Jahre, starrt den Türhüter an, fleht ihn um Einlass an und versucht ihn zu bestechen – vergeblich. Gegen das strenge Verbot zu verstoßen, kommt dem Mann nicht in den Sinn. Seine Ehrfurcht vor der Justiz ist so groß, dass er die Autorität des Türstehers resigniert hinnimmt, ohne Fragen zu stellen.

In Kafkas Texten gibt es viele Protagonisten, die dem Mann vom Land ähnlich sind: dem System völlig ausgeliefert, haben sie jegliches Eigenleben verloren – sie werden stumpf. Der Mann vom Lande ist eine unheimliche Figur: fremd, weil er so ist, wie man sich immer geschworen hat, nicht werden zu wollen, aber doch auch vertraut, weil jeder von uns schon einmal vom bürokratischen Apparat ähnlich überfordert und eingeschüchtert war.

Ich mag Kafka sehr: Seine Sprache ist so direkt, dass am Ende nur das nackte Leben da ist, mit all seinen Widersprüchen und unerwarteten Drehungen vor der Nase, ohne dass man Zeit hatte, wegzuschauen.

Als ich neulich wieder „Vor dem Gesetz“ gelesen habe, musste ich an Spivak denken. Das war eine merkwürdige Verbindung, denn unterschiedlicher könnten ihre Texte und Schreibstile kaum sein. Wenn man Spivak liest, fühlt man sich ständig über Bord geworfen, als müsste man im Ozean gegen den Wind schwimmen. Und trotzdem stelle ich mir Kafka und Spivak nebeneinander vor, im Gespräch. Sie würden mit dem anderen eine jeweils fremde Sprache sprechen, und sie würden sich verstehen. Mindestens eine Erfahrung haben sie gemeinsam: Ihre enge Verbundenheit mit einer Institution, die ihnen fremd ist. Eine Hassliebe. Für Kafka war jede Stunde, die er an der Versicherungsanstalt verbrachte, eine Qual, die ihm an seiner wahren Leidenschaft, dem Schreiben, hinderte, aber sich äußerst produktiv auf sein Schaffen auswirkte. Denn kein anderer Schriftsteller hat die bürokratische Maschinerie so genau wie Kafka beschrieben. Es ist ein Wunder, dass er aus einer derart routinierten, langweiligen Tätigkeit so viel Inspiration schöpfen konnte. Vielleicht ist dies der Grund, warum Kafka es nie geschafft hat, seinen Brotberuf aufzugeben.

Spivak ist Universitätsprofessorin an der Columbia University und als einzige Dritte-Welt-Frau mit diesem akademischen Rang eine Ausnahme an der US-amerikanischen Eliteuniversität. In ihren Texten und Interviews übt Spivak scharfe Kritik an der westlichen Universität aufgrund ihrer Teilhabe an imperialistischen und neoliberalen Strukturen, doch erkennt sie gleichzeitig ihre eigene Komplizenschaft mit dem Objekt ihrer Kritik an. Mit ihrer selbstkritischen Geste fordert Spivak uns WissenschaftlerInnen auf, unsere eigene Komplizenschaft mit dem System anzuerkennen. Ähnlich wie der Mann vom Lande sind wir einer Institution ergeben, die bürokratisch, hierarchisch und ökonomisiert ist, und die nicht selten hochqualifizierte MitarbeiterInnen unter prekären Bedingungen beschäftigt. Der wissenschaftlichen Freiheit zuliebe machen wir uns unfrei. Spivak mitzudenken, bedeutet, sich wie bei Kafka den eigenen Widersprüchen auszuliefern.

Zu Spivaks eigenen Widersprüchen gehört die Tatsache, dass sie trotz ihrer Kritik an der Institution, für die sie arbeitet, nicht anders kann, weil sie – das merkt man ihr an – leidenschaftlich gerne unterrichtet. Sie lehrt nicht nur an der Universität, sondern auch in Westbengalen und Bangladesch, wo sie den sogenannten Subalternen das Lesen und Schreiben beibringt. Spivak versteht die Lehre als eine Form von politischem Aktivismus, wodurch man sowohl Gerechtigkeit und kritisches Denken erlernen als auch die eigenen Privilegien entlernen kann.

Vielleicht hat sich Kafkas Text mit Spivak verknotet, weil er mich daran erinnert, warum ich an der Uni bin und Lehre so wichtig ist: Um die Studierenden zum kritischen Denken anzuregen, um ihnen Mut zum Widersprechen zu machen, um dank ihrer Fragen Neues zu lernen. Um nicht stumpf und resigniert wie der Mann vom Lande zu enden.

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