ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: ES-Spiegel/Ellen Hieber; CC BY 4.0

Sirtaki, Krise und Tsatsiki

Exkurs: Thessaloniki – Mutter Israels?

Wie ich jetzt auf diesen Gedanken komme, dass Thessaloniki eine jüdische Stadt sein könnte? Quellen besagen, dass um 1900 etwas mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung Thessalonikis die jüdische Bevölkerung ausmachte: 80.000 Menschen von insgesamt 173.000 waren jüdisch. Das wissen die Wenigsten, da es nicht möglich ist, diese Vergangenheit in Thessaloniki derzeit zu erfahren: es gibt lediglich zwei Synagogen, ein Holocaust-Memorial und ein jüdisches Museum. Für Thessaloniki ist es neu, sich an diesen Teil seiner Geschichte zu erinnern. 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung wurden während des Zweiten Weltkriegs deportiert und getötet. Trauriger Fun-Fact: Der Campus der Aristoteles Universität steht zum Teil auf einem zerstörten Jüdischen Friedhof. Das Gebäude das genau dort steht, beherbergt die Politikwissenschaft, die Rechtswissenschaft und den Journalismus. Erst vor knapp drei Jahren, im Jahr 2014, wurde eine Gedenkstätte für die Jüdinnen und Juden auf dem Campus eingerichtet.

Die Weichen für einen jüdischen Zuzug in die Stadt Thessaloniki waren von Anfang an gut gestellt. Seit der Gründung Thessalonikis als Hauptstadt des Makedonischen Königreichs 316 vor Christus ist die Geschichte der Stadt eng mit der jüdischen Geschichte verbunden. Zuallererst hat König Kassandros zu dieser Zeit alle Menschen eingeladen, in Thessaloniki zu leben, da der Stadt EinwohnerInnen fehlten. Daher kam eine große Vielfalt an Menschen in die Stadt – darunter auch einige jüdisch-stämmige Personen. Unter dem Byzantinischen Reich hielt der Zustrom weiter an. Hier spielte die Religionsfreiheit eine große Rolle, daher kamen Menschen unterschiedlichster Religionen in die Stadt. Der Zuwachs an jüdisch stämmigen Menschen blieb hoch. Auch als das Christentum Staatsreligion wurde und jüdisch stämmige Menschen Einschränkungen erleben mussten. Mit dem Beginn der Kreuzzüge änderte sich die Situation fundamental. Antijudaismus erstarkte. Erst mit dem Osmanischen Reich wurde die Immigration jüdischer Menschen wieder verstärkt unterstützt– nicht zuletzt erhoffte sich das Osmanische Reich damit vom Handel und Wissen der jüdischen Bevölkerung zu profitieren.

Ende des 15. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung Thessalonikis von 2.000 auf 29.000 EinwohnerInnen an. Grund dafür war vor allem die Verbannung der Sephardischen Jüdinnen und Juden vom spanischen Territorium. Stichwort ist die Hochzeit von Isabell und Ferdinand. Die jüdische Bevölkerung in Spanien sollte sich entscheiden, ob sie zum Christentum wechseln oder das Territorium verlassen. Die meisten entschieden sich wegzuziehen. Eine Stadt, in der es sich zu leben lohnte, war Thessaloniki. Sie bot Religionsfreiheit, einen guten Handel und gute Lebensbedingungen. Daher zogen sehr viele spanische Jüdinnen und Juden nach ihrer Verbannung nach Thessaloniki. Von diesem Moment ab war die Bevölkerung Thessalonikis vorwiegend jüdisch und blieb es bis ins Jahr 1912.

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts stürzte die Wirtschaft ein und erholte sich nur sehr langsam. Geprägt wurde die die Zeit durch die Balkankriege und den Ersten Weltkrieg. Aufgrund dieser Situation und dem in Europa immer größer werdenden Antisemitismus verließen viele Jüdinnen und Juden die Stadt. Obwohl der Erste Weltkrieg auch ein wenig Wirtschaft in die Stadt zurückbrachte, wurde diese kurze, wirtschaftliche Erholungsphase durch ein großes Feuer zunichtegemacht. Im Jahr 1917 zerstörte ein Brand nahezu die gesamte Innenstadt Thessalonikis, genau das Viertel, in dem ein Großteil der jüdischen Bevölkerung wohnte. Es kam zu einem sozialen Umbruch in der Stadt, es starb zwar kein Mensch, aber etliche wurden obdachlos und verloren all ihr Hab und Gut. Zusammen mit dem Türkisch-Griechischen-Bevölkerungsaustausch in den 1920ern verschärften sich soziale Ungleichheiten und Unruhen. Mit dem Vertrag von Lausanne vereinbarten die Türkei und Griechenland einen Bevölkerungsaustausch: alle orthodox-gläubigen Menschen mussten nach Griechenland umsiedeln, alle muslimisch-gläubigen in die Türkei. Die Abneigung gegen Jüdinnen und Juden wurde stärker. Die Besatzungszeit der Deutschen im Zweiten Weltkrieg spiegelt den Höhepunkt der Judenfeindlichkeit wieder. Insgesamt 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Thessaloniki wurde deportiert und getötet: war der jüdische Bevölkerungsanteil um 1900 noch bei 83.000 Menschen so blieben nach dem Zweiten Weltkrieg nur 1950 Jüdinnen und Juden am Leben.

Heute zählt die jüdische Gemeinde in Thessaloniki noch 1.500 Menschen.

Dieser kleine Exkurs der Stadtgeschichte liegt mir sehr am Herzen, da ich nicht verstehe, wie sich die Menschen hier vor Ort nicht mit diesem Kapitel auseinandersetzen. Mit einem Journalismus-Kurs der Universität waren wir im Jüdischen Museum Thessalonikis. Die meisten Studierenden hörten das erste Mal von diesem Kapitel ihrer Stadt. Ich halte es für wichtig, dass eine Stadt, ein Land, eine gesamte Region sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzt. Um zum einen Fehler nicht zu wiederholen und zum anderen aus der Vergangenheit zu lernen. Die Stadt Thessaloniki hat hier noch viel vor sich. Aber auch Griechenland im Allgemeinen.

Griechenland: wo gehörst du dazu?

Dieser Gedanke beschäftigt mich, ob Griechenland nun ein europäischer oder eher ein Balkan-Staat sei. Über dieses Selbstverständnis der GriechInnen, über diese Identität Griechenlands wird selten berichtet. Auch wir an der Universität in Chemnitz belegen Kurse über den Balkan und behandeln Länder wie Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Moldawien, Montenegro, Rumänien und Serbien. Griechenland wird dabei außen vorgelassen. Es wird meist auch nicht darüber diskutiert, ob Griechenland zum Balkan zu zählen sei oder nicht. Genau diese Frage scheint aber wichtig, wenn die Kultur und das Selbstverständnis Griechenlands verstanden werden wollen. Denn beraubt man Griechenland so nicht seiner eigenen Identität, da von außen bestimmt wird, wo es dazuzugehören hat und wo nicht?

Schlussgedanke: Griechische Normalität

Was ist Normalität? Vielleicht ist Normalität der Blickwinkel, den man von seinem Standpunkt aus hat. Ich sehe Griechenland nach meinem Auslandsaufenthalt mit anderen Augen. Ich durfte einen anderen Blinkwinkel einnehmen und ein wenig in die Erinnerungskultur Griechenlands abtauchen. Griechenland ist sehr viel mehr als Sirtaki , Krise und Tsatsiki.

Ellen Hieber hat in Chemnitz zunächst Europa-Studien studiert, um dann direkt in den Masterstudiengang 'Europäische Integration Schwerpunkt Ostmitteleuropa' zu wechseln. Besonders angetan hat es ihr die Region Südosteuropa. Nachdem sie schon im Bachelor in Griechenland ein Auslandssemester gemacht hat, befindet sich sich gerade wieder in Thessaloniki. Ihre Masterarbeit soll irgendwas mit Europäischen Identitäten und Erinnerungskulturen zu tun haben.

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Food for thoughts:

  • Mazower, Mark: The Balkans. 2000.

  • Mazower, Mark: Salonica, City of Ghosts: Christians, Muslims and Jews. 2004

Mehr Bilder zu Thessaloniki (war eine Abgabe an der Uni des Kurses ‚Travel Journalism and Communication‘):

https://sway.com/vHW6XoD0BQebTB0K?ref=Link

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