ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: Ellen Hieber

Sirtaki, Krise und Tsatsiki

Europäische Normalitäten? Als ich meinen griechischen Professor in Thessaloniki frage, ob er mir dazu ein Interview geben kann, beginnt dieser schallend zu lachen. Dann stockt er und fragt mich, ob ich denn an der EU gerade irgendetwas ‚normales‘ erkennen könne. Wir geraten ins Philosophieren, trinken ein zwei Kaffees. Er spricht von der Krise, mit der sich alle irgendwie durchs Leben mogeln, von der Angst, die viele haben, wenn neue Kredit-Verhandlungen anstehen, von den Streiks, die stattfinden, aber fast nur noch als notwendiges Übel wahrgenommen werden, von den Lohn- und Rentenkürzungen und was diese für die meisten Familien bedeuten, davon, dass kaum ein großes Unternehmen in Thessaloniki mehr in griechischer Hand sei, Russland und Deutschland die großen Gewinner beim Ausverkauf Griechenlands seien und davon, welche Hoffnungen von GriechInnen in die Bundestagswahl 2017 gesetzt werden. Ich höre gespannt zu, er verspricht mir, dass er mir ein Interview geben wird, bedankt sich. Eine Woche später erhalte ich eine Mail von ihm. Er habe doch nicht so viel Ahnung von der Politik, ich solle jemand anderen interviewen und lieber seinen Namen weglassen. Ein Rückzug.

So kann ich nur von meinen persönlichen Eindrücken erzählen, was mir doch Bauchschmerzen bereitet: Steht es mir zu, über eine Normalität zu berichten, die ich für ein halbes Jahr, in einer Blase gefangen, erleben durfte? Ich schreibe davon, was ich wahrgenommen habe, was ich erlebt habe. Meine Meinung. Fragt gerne nach. Ich versuche zeitnah zu antworten.

Meine erlebte Normalität in Thessaloniki

Während ich diesen Text schreibe, hat es 15 Grad, es schüttet seit 24 Stunden und das nächste Gewitter ist im Anmarsch. Es ist Juli, ich befinde mich in Griechenland und soll über Normalitäten schreiben.

Griechenland steckt nun seit 7 Jahren in einem Krisen-Zustand. Kurz einige Punkte genannt: 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Lohn- und Rentenkürzungen im Übermaß, Privatisierungen sind der neuste Renner: Griechenland ist ein Land, für das Streiks, Kämpfe und Selbstorganisation Alltag sind (im Gegensatz zu z.B. Deutschland).

Europa oder Balkan, das ist hier die Frage

Thessaloniki ist die zweitgrößte Stadt Griechenlands. Knapp 1,5 Millionen Menschen leben hier, an der Aristoteles Universität (AUTH) sind 80.000 Studierende eingeschrieben. An dieser Uni, im Departement für Politikwissenschaft, wurde genau ein Kurs auf Englisch für internationale Studierende angeboten: Greece today. Eine Ring-Vorlesung, bei der jede Woche jemand anderes die Leitung innehatte und von ihrem/seinem Fachbereich erzählte. Der Anspruch des Kurses lag darin, den Teilnehmenden Griechenland mit all seinen Facetten näher zu bringen, speziell auch die Geschichte und Entwicklung von Thessaloniki. Politische Kultur und Geschichte standen häufig im Vordergrund.

In einer der ersten Stunden wurden wir, die internationalen Studierenden gefragt, ob Griechenland für uns ein europäischer oder südosteuropäischer Staat sei. Gleich eine Anmerkung hierzu: Balkan scheint hier eher ein unliebsamer Begriff zu sein. Nach Mazower – einem geschätzten und angesehenen wissenschaftlichen Autor in Thessaloniki, da er auch ein Buch über Thessaloniki verfasst hat – ist der Begriff negativ konnotiert, da er einhergeht mit Schreckensbildern von Krieg, Gewalt, Terror und Armut. Aus diesem Grund bestehen viele GriechInnen darauf, die Region als Südosteuropa zu bezeichnen und nicht als Balkan. Was schon der erste Hinweis darauf ist, dass sich doch einige GriechInnen der südosteuropäischen Region zugehörig fühlen. Also Griechenland: mehr Balkan oder mehr Europa? Eine auf den ersten Blick merkwürdige Frage. Das Stadtbild ist geprägt von osteuropäischer Plattenbau-Architektur, im Zentrum reihen sich Zara, H&M und Bershka in den Einkaufsstraßen aneinander, Starbucks- und Lidl-Filialen sind zu finden, Popcharts bespielen die Straße – gebe es die Sprache nicht, würde der erste Eindruck einen nicht vermuten lassen, irgendwo außerhalb von Deutschland zu sein. Außerhalb vom Zentrum wird es gemütlicher. Kleine Straßen, winzige Fachgeschäfte, wie zum Beispiel für diverse Rollen – für Einkaufswagen, für Rollkoffer, für Inliner usw. – und die Musik wird immer traditioneller: Bouzouki, Gitarre und Klarinette begleiten einen durch die Straßen. Es scheint, als ob sich eine unsichtbare Grenze durch die Stadt zieht. Der europäische Teil wird oftmals mit ‚Westen‘ und ‚Kapitalismus‘ gleichgesetzt. Und der südosteuropäische Teil mit der guten alten Zeit, Multikulturalität, Griechenland als ein Teil Südosteuropas.

Der Professor, der die Stunde leitet, ist verblüfft, dass wir nicht alle eindeutig dazu tendieren, Griechenland einen Balkan-Staat zu nennen. Er erzählt die Anekdote, dass viele GriechInnen, wenn sie in den Urlaub nach Italien fahren, bis heute sagen, sie führen nach Europa. Sie seien also noch nicht in Europa.

Woher dieses Selbstverständnis kommt? In der Zeit von ca. 1430 bis 1912 lebten alle BewohnerInnen Südosteuropas unter derselben Osmanischen Herrschaft und hatten mehr oder weniger die gleichen Rechte. Ich beziehe mich wieder auf Mazower, der geschrieben hat, bevor es Nationen gegeben habe, haben sich Menschen durch ihre Religion zugehörig gefühlt und so eine Art von kollektivem Bewusstsein geschaffen. Unter der Osmanischen Herrschaft sei es erlaubt gewesen, jegliche Religionen auszuüben. Die, die keine Rechte gehabt hätten, seien die Ungläubigen gewesen. Okay, ich gebe Verdauungszeit, das hieße nämlich das die Region Südosteuropa eine ziemlich lange Zeit unter so etwas wie Frieden gelebt hätte – keine Kämpfe um die vorherrschende Religion und keine Kämpfe um irgendwelche Nationen, da diese schlicht noch nicht existiert haben. Und dass die Konnotationen, die wir mit dieser Region, dem Balkan, verbinden, eine Kreation der Nation-Werdung seien. Hier ist auch anzumerken, dass speziell Thessaloniki eine recht junge griechische Stadt ist. Erst im Jahr 1912 wurde die Stadt ein Teil von Griechenland, wobei die Kämpfe um die Stadt im Zweiten Weltkrieg noch weitergingen. Je nachdem, wie Geschichte folglich gelesen wird, war es nie eindeutig, dass Thessaloniki eine griechische Stadt ist. Sie hätte albanisch, bulgarisch, kroatisch, mazedonisch, rumänisch, serbisch oder gar jüdisch werden können.

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Food for thoughts:

  • Mazower, Mark: The Balkans. 2000.

  • Mazower, Mark: Salonica, City of Ghosts: Christians, Muslims and Jews. 2004

Mehr Bilder zu Thessaloniki (war eine Abgabe an der Uni des Kurses ‚Travel Journalism and Communication‘):

https://sway.com/vHW6XoD0BQebTB0K?ref=Link

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