ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: pexels.com

Normalität.

Einmal ist mir in der Vorlesung ein solcher Fauxpas unterlaufen. So ein Fauxpas, der uns zuweilen wünschen lässt, bei unserer alltäglichen Kommunikation über einen Rückspulknopf zu verfügen, der das Gesagte spurlos verwischt. Ich behauptete, dass eine bestimmte Aussage in Spanien nicht nur von Politikern geäußert wurde, sondern auch von… normalen Menschen. Da war sie wieder, die Normalität, diese Vorstellung, dass es Dinge gibt, die per se konform sind mit der Norm, mit einem vorgestellten Naturgesetz.

Gut, der Fauxpas führte nicht zu einem Shitstorm oder zu einer Staatsaffäre, im Gegenteil: Eine gewisse Komplizenschaft machte sich im Raum breit. Denn die nicht sehr ernst gemeinte Unterstellung, dass Politiker nicht normal seien, schienen alle Anwesenden augenzwinkernd zu teilen. Aber was wäre gewesen, wenn ich mich statt auf Politiker auf Studierende bezogen hätte?

Normalität ist eine der zahllosen Kategorien, auf die sich Menschen verlassen, um in der Welt zurechtzukommen. Wie würden wir sonst miteinander kommunizieren, wenn wir nicht Kategorien hätten wie „links“ und „rechts“ oder „oben“ und „unten“? So vereinfachend Kategorien wie „Gut“ und „Böse“ sind, liefern sie uns allen im kindlichen Alter eine wichtige Grundlage der Sozialisierung. Im Umgang mit Kleinkindern genügt es, zu vermitteln, dass Teilen „gut“ und „Austeilen“ böse ist. Problematisch wird es nur, wenn Erwachsene in dieser kindlichen Phase der einfachen Kategorien stecken geblieben sind; kommt noch Macht dazu, dann entsteht eine explosive Mischung – das nennt man heute Trumpismus. Einfache Kategorien sind also nicht per se schädlich; sie werden es, wenn sie in Situationen von Machtasymmetrie zum Tragen kommen. Der Umgang mit den Kategorien „schwarz“ und „weiß“ zu kolonialen Zeiten ist hierfür paradigmatisch – und die Perpetuierung des Rassismus im postkolonialen Zeitalter zeigt uns, wie resistent solche Kategorien sind.

Machen wir uns aber nichts vor. Wir müssen nicht Trump heißen oder in einem kolonialen System leben, um uns die Welt so zu machen, wie sie uns gefällt. Der Mensch ist ein animal symbolicum, sagt Cassirer: Wir alle leben in einem symbolischen Universum bestehend zum großen Teil aus einfachen Ideen, die Halt geben. Hierzu gehört die einfache Idee der Normalität. Der Mensch ist aber auch ein animal schizophrenicum: Einerseits drängt er danach, hervorzustechen, sich aus der Masse zu heben; andererseits aber will er nicht auffallen, will wie alle anderen sein, um nicht ausgestoßen zu werden. So wollen wir alle normal sein, aber nicht zu den Normalos gehören – schizophren eben.

Normalität ist eine Vorstellung, die für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgt. Sie bestimmt den Mainstream, das Fahrwasser, in dem die meisten Mitglieder einer Gesellschaft schwimmen. Dementsprechend untersteht Normalität einem stetigen Wandel: Was im 19. Jahrhundert als normal galt, gilt heute nicht mehr und umgekehrt. War es im 19. Jahrhundert normal, dass europäische Staaten Kolonien in Übersee unterhielten und deren Natur und Bewohner ausbeuteten, ist es das heute nicht mehr. War es im 19. Jahrhundert nicht normal, dass Frauen keine Kinder bekamen, ist es heute beinahe Mainstream, zumindest in der westlichen Welt.

Die Vorstellung von Normalität ist untrennbar mit der Praxis der Normativität verbunden. Denn aus allgemein akzeptierten Konzepten dessen, was als normal gilt, entwickeln die Gesellschaften Sanktionen gegen Handlungen, Äußerungen oder Lebensentwürfe, die von der Norm abweichen. Die Vorstellung dessen, was normal ist, bringt also mehr oder minder harte Repressionsmechanismen gegen diejenigen mit sich, die dieser Vorstellung nicht entsprechen. Je nachdem, um welche Norm es sich handelt, können Menschen Sanktionen erfahren, die von der bloßen Missbilligung bis hin zur Verstoßung aus der Gesellschaft oder gar zur Hinrichtung reichen. Diktatorische Regimes verfügen nicht nur über ein enges Normalitätskorsett, sondern auch über besonders gut funktionierende Mechanismen der Durchsetzung der Norm.

In einer demokratischen Gesellschaft, wie der deutschen, ist hingegen die Spannbreite der Normalität beziehungsweise der Normativität größer als in Diktaturen. Jürgen Link, der viel über Normalismus nachdachte, spricht hierbei von einem flexiblen Normalismus der demokratischen Gesellschaften – im Gegensatz zum Protonormalismus nicht-demokratischer Staaten. Aber auch demokratische Gesellschaften sind auf die Vorstellung der Normalität angewiesen, nur hier gestalten sich die Verhandlungsprozesse um Normalität komplexer. Etwa gingen der juristischen Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland Jahre der Forderung nach Gleichberechtigung von Homosexuellen voraus. Die Aushandlung in der Öffentlichkeit über das Normalsein von Homosexualität wurde kontrovers diskutiert und auch der Bundestag beschäftigte sich ausführlich mit den sozialen Folgen der Normalisierung dessen, was bis dato als abnormal galt.

Da Normalität Halt gibt, ist es nicht verwunderlich, dass die starke Zuwanderung in den letzten zwei Jahren in Deutschland die Debatte um die Leitkultur wieder aufflammen ließ. Diese ist nichts anderes als eine erneute Verhandlung der Normen. Es herrscht plötzlich Verunsicherung, welche Verhaltensweisen sich noch im Bereich des Normalen befinden und welche schon als Normverstöße gelten. Thomas de Maizière fühlte sich unlängst als Innenminister berufen, erneut an die Norm zu erinnern. Er entwarf einen 10-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur. Darin ist klar zu lesen: „Wir geben uns die Hand; wir zeigen unser Gesicht; wir sind nicht Burka“. Die Erinnerung an die Normen, die für gesellschaftlichen Halt sorgen, ist an sich nicht verwerflich. Problematisch wird de Maizières Katalog nur dann, wenn er ein klares ‚Wir‘ definiert. ‚Wir‘ sind nur die deutschen Staatsbürger, nicht die, die seit einiger Zeit hier leben. Es wird problematisch, weil sich die Vorstellung von Normalität mit der Vorstellung einer homogenen deutschen Nation deckt. Wenn de Maizière behauptet, „[w]ir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten“, hat er ein bestimmtes, vereinfachtes Bild der Deutschen im Kopf und denkt nicht an die vielen deutschen Bürger, die Ausländer angreifen. Die Normalität auf ‚unserer‘ Seite zu sehen, impliziert immer die Unterstellung einer Abnormität auf Seiten ‚anderer‘ – dies ist gefährlich, vor allem wenn es nicht nur von normalen Menschen kommt, sondern auch von… Politikern.

Frau Prof. Dr. Teresa Pinheiro ist promovierte Kulturwissenschaftlerin der Anthropologie und seit 2011 Inhaberin der Professur „Kultureller und Sozialer Wandel“ an der TU Chemnitz. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den Iberischen Studien sowie den Europakonzepten und –ideen der modernen Zeit. Ebenso engagiert sie sich in ihrer Freizeit für die jüngst in Chemnitz etablierte Bewegung „Pulse of Europe“, welche sich für ein gemeinsames Europa einsetzt.

nach obennach oben

nach obennach oben