ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: Julia Neuhoff

Normalität in Europa. Was ist schon normal?

Ich frage Wikipedia, was „normal“ ist. Die Enzyklopädie muss es ja wissen. Fluchs werde ich auf das doch sehr passende Wortpaar „Soziale Norm“ weitergeleitet. Wikipedia erklärt mir:

„Soziale Normen (gesellschaftliche Normen, soziale Skripte) sind konkrete Handlungsanweisungen, die das Sozialverhalten betreffen. Sie definieren mögliche Handlungsformen in einer sozialen Situation. Sie unterliegen immer dem sozialen Wandel, sind gesellschaftlich und kulturell bedingt und sind daher von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden. Normen bringen (äußerliche) Erwartungen der Gesellschaft an das Verhalten von Individuen zum Ausdruck.“ [1]

Für mich stellt Wikipedia es fein heraus: Die Normalität, soziale Norm oder ich nenne es lieber“ der Alltag“ oder „das Übliche“ hängen von der Gesellschaft und Kultur ab. Ich mag das Wort „normal“ nicht. Es hat etwas Wertendes. Wenn etwas oder jemand nicht normal ist, ist es dann abnormal? Krank, schlecht? Von dem Wort habe ich mich also schon lange verabschiedet und benutze lieber die Wörter „üblich“ oder „alltäglich“.

Mit Gesellschaft und Kultur muss dabei gar nicht das große Ganze gemeint sein, kein anderes Land, kein anderer Kulturkreis. Schon dein Mitbewohner wird eine andere Wahrnehmung davon haben, was üblich ist. Ich kenne Menschen, für die gehört es zum Alltag zum Frühstück drei Tassen Kaffee zu trinken. Völlig normal für den anderen, für mich seltsam.

Die Idee von Normalität – „Normalsein“ habe ich inzwischen aufgegeben. Seit rund einem Jahr lebe ich in Bulgarien. Meine Überzeugung, dass unsere persönliche Wahrnehmung und Einschätzung von unserer Geschichte und von unserem Umfeld geprägt wird, wurde hier noch mehr bestärkt. Als ich auf Weltreise ging, verliebte ich mich in meinen ersten Trustroots (das ähnlich zu Couchsurfing)-Host. Zu dieser Zeit lebte er bei seinen Eltern, da er gerade ein Haus gekauft hatte und darauf wartete, dort einziehen zu können. Seine Eltern nahmen mich auf wie ihre Tochter. Völlig selbstverständlich lebten wir für zwei Monate zu viert in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Würde ich sowas in Deutschland erleben? Wohl eher unwahrscheinlich. Ist es daher abnormal?

Mein Leben hier hat meine Perspektive auf Deutschland und die Welt stark verändert. Was für uns Deutsche normal und alltäglich ist, muss nicht unbedingt normal sein. Auf der einen Seite kann es ein Privileg, Luxus sein: ein eigenes WG-Zimmer oder Wohnung ist hier auf dem Balkan insbesondere für junge Menschen nicht selbstverständlich – viele wohnen mit ihren Eltern zusammen. Dadurch entsteht auch eine andere Familiendynamik: das Gemeinschaftsgefühl ist hier sehr stark, gegenseitig Unterstützung ist essentiell. Es ist nicht unüblich, dass ein 40-Jähriger seine Mutter nach einer kleinen finanziellen Spritze fragt – selbst oder vielleicht auch gerade insbesondere, wenn er in seiner eigenen Wohnung lebt. In Deutschland würde sowas eher selten vorkommen.

Eine der größten Erkenntnisse für mich war, dass Informationen so ein unglaublich wertvolles Gut sind. Ich spreche mit Deutsch eine sehr weit verbreitete Sprache – bis zu 100 Millionen Menschen auf der Welt sind ihr mächtig. Auch Literatur in Englisch ist kein Problem für mich. Bulgarisch ist eine Sprache, die von schätzungsweise 10 Millionen Menschen weltweit gesprochen wird. Der Zugang zu breit gefächertem Wissen ist daher schon durch die Sprachkenntnisse bestimmt. Für mich ist es ganz natürlich, Ecosia oder Google anzuschmeißen und nach Informationen zu suchen, die ich brauche. Mir ist es ein leichtes, eine Situation von verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, da mir eine Vielzahl von Informationen zur Verfügung steht. Wow, was für ein Privileg! Was für ein Glück ich doch habe.

Ich habe erkannt, dass nichts normal ist. Die Idee von Normalität beschränkt unser Denken, da sie uns davon ausgehen lässt, dass es nur einen „richtigen“ Weg gibt. Alles andere wird als „abnormal“ abgetan. So wird unsere Sicht für Neues, Anderes verschränkt.

Normalität in Europa – zwei Schritte vor, einer zurück? Um ehrlich zu sein: ich verstehe den Titel nicht. Von welcher Normalität sprecht Ihr? Von der Kommunikation zwischen den Mitgliedsstaaten in der Vergangenheit? Dass alles so harmonisch war, bis sich die politische Lage verschärfte und die Meinungen der osteuropäischen Staaten und Westeuropa auseinander drifteten? Was wollt ihr? Harmonie? Gleichmachung? Ein Staat Europa – in dem wir alle gleich „normal“ sind? In dem wir alle gleich „deutsch“ sind? Deutschland ist omnipräsent auf dem Balkan (deutsche Produkte, deutsche Geschäfte überall). Wünscht Ihr euch mehr Deutschland für Europa? Mehr Wohlstand? Wie kann das in die Realität umgesetzt werden? Was passiert mit den Traditionen – die hier auf dem Balkan bis heute mit Leidenschaft gepflegt werden? Was ist eure Vision von Europa? Wie wollt Ihr Europas „Normalität“ in der Zukunft gestalten?

Ich freue mich auf Eure Meinungen, Ideen, Visionen, Herzenswünsche und Fantastereien. Schreibt mir gerne eine E-Mail an hallo@frau-fuchs.com

Julia Neuhoff studierte Europa-Studien an der TU Chemnitz. Derzeit lebt sie in Bulgarien und erfüllt sich ihre Träume. Neu und ausgefuchst widmet sie sich dem Thema Bewerbungs-und Karriereberatung ohne Anzug, dafür mit Hand und Fuß. Sie ist als Berufsberaterin tätig, für AbsolventenInnen, StudentenInnen, QuerdenkerInnen, UmsteigerInnen. Bei FB findet Ihr sie unter: Frau Fuchs – ausgefuchst und eingestellt https://www.facebook.com/ausgefuchstundeingestellt/. Ihre Webseite befindet sich noch im Aufbau.

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[1] Wikipedia „Soziale Norm“, https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Norm, aufgerufen am 19.06.17.

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