ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Timon Ostermeier

Liebesschrei aus Moskau

Europa ist attraktiv, stylisch. Aber Russland will die Union scheitern sehen. Ich habe mich mit Russen in Sibirien unterhalten, darunter ein propagandakritischer Politikwissenschaftler und ein ehemaliger KGB-Agent aus Jena.

Was die russische Sicht auf die EU ist? Äh, keine Ahnung. Danke für die Frage. Ich bin jetzt über vier Monate in Russland und habe oft versucht, mich über Politik und Geschichte zu unterhalten. Oft ist es ins Leere gelaufen, das Interesse bei den russischen Studierenden war nicht ausgeprägt genug. Vielleicht ist das politische Interesse bei den wenigen jungen Menschen, die gut englisch sprechen, einfach noch weniger ausgeprägt als bei dem großen Rest, der nur russisch spricht? Denn wer hier studiert und gut englisch spricht, der will sowieso weg aus Sibirien. Vielleicht interessieren sie sich mehr für die Menschen und Kultur als für die Politik? Aber trotzdem, der Leitspruch „Unsere Krim!“ ist anscheinend fast Jedermanns Einstellung. Oft haben wir versucht, über Krim, Homophobie und Korruption zu sprechen. Aber Fragen zur EU habe ich nie gestellt. Warum eigentlich nicht? Ich hole es nach.

Ich besuche den Wissenschaftler Dimitry Ragozin in seinem Büro in Tomsk. Als „Senior Dozent“ an der Polytechnischen Universität Tomsk beschäftigt er sich mit internationaler Politik und Beziehungen, besonders mit denen Russlands. Er bestätigt viele meiner Beobachtungen: Ja, viele Russen zieht es nach Europa, besonders in wirtschaftlich kritischen Zeiten. Außerdem möchten Russen auch Reisen, wünschen sich Visa-Freiheit. „Europa ist für die Russen von großem Interesse“, schlussfolgert Ragozin.

Sanktionen: Europa ein Schritt zurück, Russland ein Schritt vor

Aber die russische Politik erfreue sich an den Missgeschicken und Krisen der EU. Das russische Staatsfernsehen akzentuiert jede Schwierigkeit der EU, hebt Wirtschaftskrisen und BREXIT hervor. Das hat seine Gründe. Jeder Schritt zurück für die europäische Integration, ist ein Schritt vor für Russland. Es sind Schritte weg von den Sanktionen, die das größte Land der Welt belasten. Der sibirische Politikdozent Ragozin spricht offen von einer Staatspropaganda in den Medien, von einer Politik, die die EU scheitern sehen will. Der BREXIT - ein Geschenk. Aber die Durchschnittsbürger? Die wissen mit Schlagworten wie BREXIT wenig anzufangen, so Ragozin. Klar, was interessiert mich europäische Politik, wenn ich im zugefrorenen Sibirien sitze? Man müsse aber auch einen Unterschied zwischen Sibirern und Moskauern machen. Moskauer seien mehr nationalistisch, Sibirer uninteressiert oder kritischer.

Ich frage auf der Straße nach: Was ist die EU? „Nun, sie existiert“, antwortet mir ein junges Pärchen auf der Parkbank. Sie denken, dass es ein angenehmes Leben ist in Europa, aber leider zu teuer für Russen. Für Politik interessieren sie sich nicht sonderlich, haben nur wage etwas vom britischen Referendum mitbekommen. Die beiden Studenten leben im Wohnheim, wo sie keinen Fernseher haben.

Einem älteren Paar muss ich nicht viele Fragen stellen, damit Wladimir (58) anfängt zu erzählen. Seine Frau Tatjana (58) steht daneben, schaut zu ihm hoch und scheint alles mit einem Nicken zu bestätigen. Sie hat nie Europa bereist, ihr Mann aber besuchte Länder der ehemaligen Sowjetunion. Er spricht viel über die Ukraine, Worte wie „Faschisten“ und „Russophobie“ fallen. Er hat ein negatives Europabild, welches von Flüchtlingen und Terroranschlägen bestimmt ist. Europa wird es schlechter gehen, allerdings sieht er keine Gefahr für Russland. Ihm ist es wichtig zu sagen, und Gattin Tatjana nickt kräftig, dass keiner einen Krieg möchte, dass die Menschheit klug genug sei, aus den Weltkriegen gelernt zu haben. Am Ende legt er ein Bekenntnis zu Putin ab. Putin bringe Sicherheit und Ordnung.

"Ich frage auf der Straße nach: Was ist die EU? „Nun, sie existiert“."

Angesprochen auf Europa, erzählen Nadya und Alexander (beide Anfang 30), dass sie seit 2012 jedes Jahr ein europäisches Land bereisen: Spanien, Tschechien, Frankreich, Montenegro, Zypern. Sie glauben nicht, dass es in Russland eine negative Wahrnehmung Europas gibt. Die Migranten seien jedoch für Europa schlecht. Dennoch scheint sich das Paar nicht wirklich für Politik zu interessieren. Sie halten die EU eher für ein wirtschaftlich starkes Projekt, von dem auch Russland profitieren könnte.

Flüchtlingskrise, Griechenland. Wie ernsthaft die europäischen Krisen auch zu sein scheinen, und so gerne die russischen Medien dies als Zeichen der Schwäche sehen, Dimitry Ragozin glaubt nicht, dass sie die Europäische Union erschüttern, so wie es die russische Politik gerne hätte. Das sei „bullshit“, sagt er.

Geliebtes Europa, ungeliebte Politiker

Die Wahrnehmung Europas scheint schizophren. Einerseits erlebe ich, wie positiv und aufgeschlossen Russen gegenüber Europäern sind. Besonders zu uns Deutschen, obwohl der Zweite Weltkrieg der identitätsprägende Mythos des heutigen Russlands ist. Öfters sprachen mich auch ältere Menschen an, als sie mein russisches Gestammel hörten. Woher ich denn komme? Oh, Deutschland? Toll! Sie freuen sich, wenn sie zwei Wörter auf Deutsch anbringen könne, möchten wissen, ob es mir hier gefällt und bieten ihre Hilfe an, falls ich denn welche benötigte. Und europäische Männer stehen sowieso hoch im Kurs bei den russischen Frauen.

"Mit Blick auf die Schlagzeilen fühlt man sich an den Kalten Krieg erinnert."

Dennoch greift parallel das Bild einer europäischen Bedrohung. Besonders Bundeskanzlerin Angela Merkel genießt keinen guten Ruf. Ihr wird vor geworfen, sie erpresse und intrigiere gegen Russland. Als ich mich mit einem ehemaligen KGB-Agenten unterhalte, der als Verbindungsoffizier in Jena stationiert war, echauffiert er sich in hervorragendem Deutsch: „Wir sind doch so gut zu euch, ihr aber nicht zu uns. Eurer Chefin, der müsste mal einer…!“

Mit Blick auf die Schlagzeilen fühlt man sich an den Kalten Krieg erinnert. Dimitry Ragozin kann das nachvollziehen, auch Wissenschaftler würden solche Vergleiche ziehen. Die Beweislage für russische Eingriffe in ausländische Wahlkämpfe wie in den USA und in Frankreich seien evident, und die Sorgen Deutschlands vor einer weiteren Einflussnahme bei den Bundestagswahlen berechtigt. Er lehnt den Terminus eines „neuen Kalten Krieges“ allerdings ab. „Russland will einen neuen Kalten Krieg verhindern. Russische Politiker und Eliten haben zu viele Interessen in Westeuropa. Sie bewahren ihr Geld in der Schweiz auf, genießen den kalifornischen Lebensstil und schicken ihre Kinder auf amerikanische oder deutsche Universitäten. Sie wollen ein Teil der westlichen Elite werden.“

„Putin wird 2018 definitiv wiedergewählt“

Allerdings wollen die russischen Politiker „den Westen zwingen sie zu lieben“, sagt Ragozin. Machoeske Muskelspiele und Imponiergehabe gegenüber einer Angebeteten also? Eine kontraproduktive Denklogik, wenn man annimmt, dass Menschen eher auf Arschkriecherei stehen. Und angesichts der Sanktionen gegen Russland und der Annexion der Krim auch ungeheuer teuer. „Das geht auf die Kosten der Menschen, die jedoch von der Propaganda müde werden. Der Anschluss der Krim hat Putin nur kurzfristig Popularität gebracht und wird wieder in Vergessenheit geraten“, meint Ragozin. Dennoch glaubt er fest an eine Wiederwahl Putins 2018, „what ever happens“.

Ragozin spricht von einer „kognitiven Dissonanz“ der Bevölkerung: Einerseits ermüdet und kritisch gegenüber der Staatspropaganda, andererseits eine große Unterstützung bei den Wahlen für den Präsidenten - mit einem 70%-prozentigem Wahlausgang für Putin rechnet er im kommenden Jahr. Das liege an einer russischen Mentalität, die besage: „Don’t blame the tzar, blame the boyars“. Nicht Zar Putin wird für Verfehlungen verantwortlich gemacht, sondern sein „aristokratisches“ Umfeld. So richten sich übrigens die jüngsten Proteste auch nicht gegen Putin direkt, sondern in erster Linie gegen seinen Ministerpräsidenten Medwedew, dem sein zweifelhafter Reichtum vorgehalten wird.

Sowohl Bevölkerung als auch die Politik Russlands denken in kurzen statt langfristigen Zeiträumen und Zielen. Eine Wiederwahl des 64 Jahre alten Präsidenten Putin auf weitere sechs Jahre wäre die definitiv letzte Amtszeit - allein aus Altersgründen, da er nach russischem Recht danach eine Wahlperiode aussetzen müsste. Was nach Putin kommt, ist ungewiss. Und damit auch, ob Russland weiterhin Liebe erzwingen und sich durch eine Spaltung der EU-Mitgliedsstaaten von den Sanktionen befreien will.

Timon Ostermeier studiert seit 2015 an der TU Chemnitz Europastudien und engagiert sich seitdem aktiv im Verein für deutsch-russische Beziehungen Dialog e.V. Sein Interesse galt vor allem den wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen der beiden Ländern. Im Rahmen seines Studiums hat er nun das Sommersemester 2017 in Russland, Tomsk verbracht, um das Land und die Menschen besser kennenzulernen. Unterwegs durch Russland hat er viele interessante Eindrücke aufgenommen, Einheimische getroffen und Erfahrungen gesammelt. Seine Reise setzt er nun weiter durch Korea fort und dahin wo ihn die Wanderlust noch verschlägt.

nach obennach oben

nach obennach oben