ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

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Europawoche - wann, warum und wo?

Vor rund 60 Jahren – am 25. März 1957 – wurden in Rom die sogenannten „Römischen Verträge“ zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EAG, Euratom) unterzeichnet. Ein Grund zum Feiern?

Ausgehend vom offiziellen Europatag der Europäischen Union, welcher seit 1986 zahlreiche Festlichkeiten und Veranstaltungen umfasst, wäre die Frage mit einem einfachen „Ja“ zu beantworten. Doch lässt es sich nicht leugnen, dass sich die Union in einer Selbstfindungsphase befindet, und somit Schwachpunkte aufweist sowie Rückschläge erleiden muss. In den letzten Jahren wurde ausgehend von der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 die Integrationsfähigkeit der Europäischen Union auf eine harte Probe gestellt. Nur ein Jahr später entschied ein Referendum in Großbritannien über den Austritt aus der Union, der in den Medien allgemein als „BREXIT“ bekannt wurde. Die Frage nach der eigenen Identität wurde überdacht. Bin ich Deutscher? Bist du Italiener? Ist er Kroate? Oder sind wir UnionsbürgerInnen, gar EuropäerInnen?

Die Idee des Europatages ist daher mehr und mehr, eine europäische Öffentlichkeit aufzubauen. Doch ist dies mit einem Tag getan?

Vielleicht müssen wir uns auch mehr die Frage stellen, inwieweit institutionalisierte (Feier-)Tage dazu beitragen, etwas als zu alltäglich, gewohnt und üblich anzusehen. Das Ziel des Europatages ist es, auf die europäische Idee mit all ihren Facetten aufmerksam zu machen. Jedes Jahr, immer am gleichen Tag, wird in vielen Regionen Europas die Europahymne gespielt, Europa-Flaggen aufgehängt, und Veranstaltungen mit europäischen Fragestellungen durchgeführt – ist das sinnvoll?

An der TU Chemnitz erreichen die Überlegungen nach einer europäischen Identität und Öffentlichkeit ihren Höhepunkt in dem Zeitraum vom 8. bis 11. Mai 2017. Zu dieser Zeit findet die Europawoche statt – natürlich immer schön um den 9. Mai herum platziert, dem wie schon erwähnt offiziellen Europatag der Europäischen Union. Diese Europawoche in Chemnitz dient der Aufklärung, Analyse, Meinungsbildung und Sensibilisierung sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Probleme auf europäischer Ebene. Sie richtet sich an interessierte Studierende, Dozierende und BürgerInnen der Stadt Chemnitz und von außerhalb.

Ein Rückblick

Die Eröffnung der Europawoche erfolgte mit einem Vortrag von Prof. Dr. Stefan Korte. Er sprach über die Rechtsgrundlagen des BREXITs. Er erläuterte die „Sonderrolle“ Großbritanniens innerhalb des Europäischen Integrationsprozesses der vergangenen Jahrzehnte und analysierte die Blickwinkel der EU sowie Großbritanniens auf die rechtlichen Rahmenbedingungen des BREXIT aus juristischer Perspektive.

Um die komplexe Struktur und die Handlungen der Union besser nachvollziehen zu können, wurde die doch stets präsente Flüchtlingsthematik aufgegriffen. Prof. Dr. Matthias Niedobitek gab hierzu ebenfalls einen Einblick in die Rechtsgrundlagen der EU, wobei er besonders auf Staaten einging, welche mit der festgesetzten Verteilung von Geflüchteten nicht einverstanden waren und sind. Hierzu gehören Ungarn, Polen und die Slowakei. Die plötzliche Zuwanderung von Millionen Asylsuchenden beeinflusste europäische Staaten und deren EinwohnerInnen unterschiedlich. Auf der einen Seite wurde die Integrationsbereitschaft angeregt, auf der anderen Seite ist die Angst vor dem Fremden gestiegen. Letztere wurde durch die jüngsten Terrorattacken und deren Berichterstattung in den Medien in Großstädten wie Paris, London oder Berlin stark angekurbelt.

Aus diesem Grund ist es wichtig dieser Angst entgegenzuwirken. Die Menschlichkeit über Kultur, Herkunftsland oder Zugehörigkeit zu stellen. Um diesen Gedanken Ausdruck zu verleihen, fand am 11. Mai eine szenische Lesung statt - von Studierenden, die von einer Tragödie an der Küste Lampedusas erzählten. Untermalt mit schweren Kompositionen und teils erschreckenden Bildern, übt diese wahre Geschichte Kritik an der Flüchtlingspolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten aus und überdeckt Angst mit Mitgefühl.

Um die Eindrücke und Meinungen der Teilnehmenden festzuhalten, wurden Gedanken anonym an der „Opinion-Wall“ gesammelt. Diese gab mehrere Fragen vor: (1) Europa und seine Bürger: Wie sehr gehöre ich dazu? (2) Wie offen ist Europa? (3) Welche Grenzen gibt es zu überwinden?

Eine Auswertung

Die Auswertung der Ergebnisse der „Opinion-Wall“ brachte vor allem hervor, dass die Präsenz Europas und der Europäischen Union steigen muss. Das Bewusstsein für eine gemeinsame Kultur soll gefestigt werden, ohne Kulturen miteinander zu verschmelzen. Dies schafft ein Zugehörigkeitsgefühl über die nationalen Grenzen hinaus. Rechtlich ist das Unionsbürgertum vorhanden, sobald man Staatsangehörige_r eines EU-Mitgliedsstaates ist. Die Grundlage ist also vorhanden, trotzdem wird die soziale Integration bemängelt. Europa wird als Ort des Friedens gesehen. Eine stolze Entwicklung, in Anbetracht dessen, wie viele Kriege geführt werden mussten um an diesen Punkt zu gelangen. Nichts und Niemand ist perfekt, weshalb auch die „Friedenszone“ Europa von dessen BewohnerInnen kritisiert wird. Eine bedrohliche Gefahr stellt der Populismus in einzelnen Nationen dar. Nicht weniger wurde auf eine fehlende gemeinsame Sozialordnung, sowie die mentale Abschirmung durch Eurozentrismus hingewiesen. Verbesserungen sind auf nationaler, europäischer und globaler Ebene erforderlich, die Frage nach der Reihenfolge dieser Verbesserungen bleibt zur heutigen Zeit unbeantwortet.

Das perfekte Europa als Ziel zu betrachten wäre eine utopische Vorstellung. Dennoch gilt auch hier das von Wanderern oft geteilte Sprichwort: „Der Weg ist das Ziel.“ Doch auch hier gilt zu bedenken, dass für jede_n „perfekt“ etwas Anderes bedeutet. Perfekt ist nicht gleich perfekt, so wie normal nicht gleich normal ist.

Die Gedanken der Menschen geben aber den Weg vor. Solange Europa weiterhin diesen Weg geht, blicken wir einer hellen Zukunft entgegen. Es liegt an jedem Einzelnen diese Zukunft mit zu gestalten. Dies ist die Lehre die wir aus der Europawoche 2017 ziehen konnten.

Und mit dieser Lehre lässt sich auch sagen, dass vielleicht für viele (vornehmlich) Europa-Studierende der Europatag mit der gesamten Europa-Woche zu etwas Gewohntem geworden ist. Aber wir dürfen niemals davon ausgehen, dass die europäische Idee etwas Normales sei oder gar von alleine weiter vorangebracht werden könne. Daher sind Veranstaltungen wie diese enorm wichtig.

Wir danken den VeranstalterInnen und hoffen, dass im nächsten Jahr wieder eine spannende Europawoche stattfinden wird!

Marcel Reinhardt studiert im 4. Semester Europa-Studien mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung. Aktiv unterstützt er die Studierendenschaft und war unter anderem 1. Vorstandsvorsitzender der Initiative Europa-Studien (i’es). Gerade befindet er sich in seinen Vorbereitungen für sein Auslandssemester in Zagreb, Kroatien. Besonderes Interesse hat er an der Eingliederung in verschiedenen Kulturen, um den Kern und den Ursprung einer Mentalität zu entdecken. Dabei ist es ihm besonders wichtig ein Land vorurteilsfrei zu betreten und Sprache und Ansichten von 0 kennenzulernen.

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