ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Illustration: Ellen Hieber

Europäische Normalitäten?!

Liebe KommilitonInnen, liebe Alumnae und Alumni, liebe ProfessorInnen und DozentInnen,

vielleicht seid ihr über das Titelbild der aktuellen Ausgabe gestolpert, habt euch gefragt, was das eigentlich darstellen soll? Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union wurden neu angeordnet: nach neu eingeleiteten EU-Vertragsverletzungsverfahren gegen die Mitgliedstaaten im Jahr 2016. Insgesamt wurden 586 neue Fälle gezählt: Portugal führt das Feld an (60), danach folgen Belgien (49), Österreich (47), Spanien (46) und Ungarn (45) [1]. Warum diese Illustration? Sie soll uns aufzeigen, dass wir die Europäische Union sowie den Kontinent Europa meist aus einer eingefahrener Sicht heraus betrachten. Für uns alle hat sich eine Gewohnheit, ein Alltag, eine Normalität eingeschlichen. Denken wir an die EU oder Europa, erscheint uns oftmals eine vorgefertigte Landkarte vor Augen. Meist ist es die geopolitische Karte Europas, bei welcher Deutschland im Herzen Europas liegt. Andere EU-Mitgliedstaaten könnten da eine andere Wahrnehmung haben. Normalität ist folglich immer von ihren BetrachterInnen abhängig, von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Normalität ist eben nicht gleich Normalität.

In dieser Ausgabe wollen wir diesem Phänomen der verschiedenen Normalitäten nachgehen. Dabei ist unsere These, dass nichts normal sein kann. Normalität und Abweichung werden oftmals als ein Koordinatensystem dargestellt, welches Grenzen für „akzeptiertes Erleben und Verhalten“ ziehe. Gleichzeitig können sich Normalitätsvorstellungen mit dem Wandel der Zeit aber auch ändern. Die Frage ist folglich, ob es in pluralistischen Gesellschaften überhaupt noch einheitliche Normalitätsstandards geben kann oder ob die postmoderne Gesellschaft per se nicht bedeute, in einem Zustand des „anything goes“ zu leben? [2]

Normalitätsvorstellungen liefern folglich Kriterien für die Zugehörigkeit und den Ausschluss aus einer sozialen Welt. Daher ist Vorsicht geboten bei dem Gebrauch des Begriffes Normalität. Mit dieser Ausgabe wollen wir einen Teil dazu beitragen, vorauseilende Gewohnheiten und Normalitäten zu dekonstruieren. Und wir wollen alle dazu anregen, Europa und die Welt, mal von anderen, ungewohnten Blickwinkeln aus zu betrachten.

Und warum genau haben wir die EU nach Vertragsverletzungsverfahren geordnet? Es war eine Möglichkeit von vielen. Wir hätten die Karte auch nach Geburtenraten oder Parlamentsabstimmungsverhalten anordnen können. Immerhin aber studieren wir Europa und weisen auch gerne augenzwinkernd auf Absurditäten hin: 586 neue Fälle wurden im Jahr 2016 gezählt. Wie viele Urteile es gab? Der EUGH sprach im Jahr 2016 insgesamt 28 Urteile, von welchen 23 zu Gunsten der Kommission (Kläger) und 5 zu Gunsten der jeweiligen Mitgliedstaaten (Angeklagte) gefällt wurden.[3] Eine von vielen europäischen Normalitäten.

Wie in den vorhergegangenen Ausgaben gibt es wieder 4 Rubriken. Zur Einleitung in das Thema empfehlen wir Euch den Artikel von Prof. Dr. Teresa Pinheiro, in dem sie der Frage nachgeht, was unter Normalität verstanden werden kann. Der Artikel erscheint in der Rubrik Europa lehren, in der uns insgesamt 3 Lehrende an ihren Sichtweisen und Forschungsschwerpunkten teilhaben lassen. In der Rubrik kritisch gedacht stellen wir externe Akteure vor und möchten zeigen, wie wir uns auch außerhalb des Studiums für Europa und die EU einbringen können. In der Rubrik Europa studieren erzählen Studierende von ihren erlebten Normalitäten. In der Rubrik Korrespondenz kommen Studierende und eine Alumna zu Wort und berichten von ihren Auslandserfahrungen.

Wie immer gilt: Helft uns, den ES-Spiegel bekannter zu machen. Kritisiert, kommentiert und schmeißt die Werbetrommel an!

Wir danken allen AutorInnen und UnterstützerInnen für ihre Mithilfe an dieser Ausgabe und wünschen viel Spaß beim Lesen!

Eure Redaktion des ES-Spiegel

Seit knapp einem Jahr wird der ES-Spiegel als studentisches Magazin von einer Redaktion betreut. Engagierte Personen sind Europa-Studierende im Bachelor und Master: (hintere Reihe von links nach rechts) Antonela Šakić, Marcel Reihardt, Juliane Kriebitzsch, (vordere Reihe von links nach rechts) Paulina Mayer, Kristin Thiele und Vanessa Beyer. Nicht auf dem Bild ist Ellen Hieber, da sie derzeit in Thessaloniki lebt.

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[1] Vgl. Europäische Kommission: Report from the Commission. Monitoring the application of European Union Law 2016. Annual Report. COM (2017) 370 final. Letzter Zugriff: 28.7.2017. S. 23.

[2] Vgl. Keupp, Heiner: Normalität und Abweichung. Vortrag bei der 6. Bundesweiten Fachtagung Erlebnispädagogik  am 06. – 08. September 2007 in Freiburg. Zugriff unter: www.ipp-muenchen.de/texte/keupp_normal_2_freiburg_07.pdf. Letzter Zugriff: 28.07.2017.

[3] Vgl. Europäische Kommission: Report from the Commission. Monitoring the application of European Union Law 2016. Annual Report. COM (2017) 370 final. Letzter Zugriff: 28.7.2017. S. 26.

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