ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto bereitgestellt vom Europa-Haus Leipzig e.V.

"Die EU ist nicht perfekt, aber schon mal ein guter Anfang."

Das Ziel des Europa-Hauses Leipzig e.V. ist es, den Europa-Gedanken in der Stadt zu stärken. Juliane Kriebitzsch traf sich mit dem Geschäftsführenden Christian Dietz auf ein Gespräch. Was leistet das Europa-Haus, welche Rolle spielt Europa für Leipzig und Sachsen und welche Bedeutung haben die Medien?

ES-Spiegel: Was motiviert dich, den Europa-Gedanken in Leipzig voranzutreiben?

Christian Dietz: Sprachen helfen Grenzen zu überwinden, damit ging es bei mir los. Zunächst war ich als Schüler sehr an Frankreich und der frankophonen Welt interessiert. Durch einen Zufall hatte ich nach dem Abitur die Möglichkeit unsere östlichen Nachbarländer kennenzulernen und lernte so auch einige mittel- und osteuropäische Sprachen sprechen. Nach einem recht europäisch ausgelegten interdisziplinären Studium von Politikwissenschaft über Journalistik, Ost- und Südosteuropawissenschaften und Frankreichstudien und längeren Arbeitsaufenthalten in Frankreich und Polen bin ich seit 2012 in der glücklichen Lage meine proeuropäische Überzeugung in meiner täglichen Arbeit als Geschäftsführer des Europa-Haus Leipzig e. V. umzusetzen.

ES-Spiegel: Die Rolle als Geschäftsführer klingt eher nach rein administrativer Arbeit. Wie wird der Europa-Gedanke von Euch aktiv umgesetzt?

Christian Dietz: Dem ist nicht so, jeden Tag haben meine MitarbeiterInnen und ich mit Projekten, Begegnungen und Veranstaltungen rund um das Thema Europa zu tun. Das reicht von der Betreuung von Jugendlichen im Rahmen des Programms ERASMUS+ über die Organisation von Veranstaltungen zu europäischen Themen, die wir mit unserem an den Verein angegliederten Europe DirectInformationszentrum in Leipzig und Umgebung realisieren. Hinzu kommen Projekte im Bereich der politischen Bildung, die wir vor allem in Zusammenarbeit mit Schulen oder Hochschulen umsetzen. Bereits seit 1992 sind wir als Verein Träger eines Europe Direct-Informationszentrums, sozusagen einer Schnittstelle zwischen der Zivilgesellschaft und der Europäischen Union. In Deutschland gibt es circa 55 solcher Einrichtungen, die europäische Themen regional thematisieren sollen und als Ansprechpartner der Europäischen Kommission für die Bevölkerung dienen. Ein wunderbares aktuelles Projekt ist die Organisation eines Studienaufenthalts für 40 MusikschülerInnen aus Polen, die ein fast vollständiges sinfonisches Orchester darstellen und neben Proben die Musikstadt Leipzig kennenlernen und mehrere Konzerte geben werden, darunter auch im Rahmen eines Festakts zum 30-jährigen Jubiläums des ERASMUS-Programms.

ES-Spiegel: Schnittstelle zwischen EU und Zivilgesellschaft? Mit welchen Belangen wenden sich die Leipzigerinnen und Leipziger an das Europa-Haus?

Christian Dietz: Die Leipziger BürgerInnen wenden sich an uns mit den verschiedensten Anliegen: tagespolitische Themen, wie die Auswirkungen des Brexit auf die Personenfreizügigkeit spielen zum Beispiel eine Rolle. Sehr oft haben wir Jugendliche zu Gast, die sich im Rahmen einer Mobilitätsberatung über ihre Möglichkeiten für Auslandsaufenthalte nach der Schule informieren. Dies unterstützen wir ausdrücklich, da wir als MitarbeiterInnen des Europa-Hauses vielfach selbst durch solche Auslandserfahrungen zu EuropäerInnen geworden sind. Andere Fragen betreffen wiederum in letzter Zeit oftmals die grenzüberschreitenden Regelungen zur Zahlung und Anrechnung von Elterngeld innerhalb der EU oder Fragen zu den Themen Krankenversicherung oder Verbraucherrechten in der EU.

ES-Spiegel: Inwieweit macht sich ein Wandel in Zeiten europakritischer Parteien in Europa und auch in Deutschland bemerkbar?

Christian Dietz: Ein Wandel in unserer Arbeit hat sich weniger aufgrund der politischen Entwicklung bemerkbar gemacht. Vielmehr stellen wir fest, dass das Internet inzwischen mit zahlreichen hilfreichen Portalen zu EU-Themen viele Beratungsaufgaben übernimmt. Vor allem öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen zu europäischen Themen sind wichtig und sinnvoll, um Europa in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Seit einigen Jahren herrscht ein recht aufgeheiztes politisches Klima. Gerade in Sachsen wird der europäische Gedanke nicht immer positiv konnotiert. Und auch bei unseren Veranstaltungen werden zunehmend hitzigere Diskussionen geführt. Andererseits gibt es Bewegungen wie „Pulse of Europe“, die mich persönlich sehr optimistisch stimmen. Dem sollten aber konkretere inhaltliche Diskussionen folgen. Wie man an „Pulse of Europe“ sehen kann, ist das Herstellen einer proeuropäischen Öffentlichkeit möglich, dem sollten aber konkretere Anliegen folgen, die dann wiederum tatsächliche Veränderungen bewirken könnten. Gerade gestern sah ich in der Leipziger Innenstadt einen jungen Mann, der sich eine Europafahne übergeworfen hat und so seine proeuropäische Haltung ausdrückte. Die EU ist nicht perfekt, aber schon mal ein sehr guter Anfang. Wir sind selbst mit einigen Dingen nicht einverstanden und der Meinung, dass in Europa (auch über die Grenzen der EU hinaus) Veränderungen anstehen, wenn die Idee der EU eine Zukunft haben möchte. Aber grundsätzlich wäre es fatal, diese an sich positive Entwicklung der europäischen Integration einigen Populisten zu überlassen, die versuchen diese Erfolge rückgängig zu machen.

Christian Dietz, Geschäftsführer des Europa-Haus Leipzig. Foto privat
Christian Dietz, Geschäftsführer des Europa-Haus Leipzig. Foto privat

ES-Spiegel: Wie beeinflussen deiner Meinung nach die Medien diese offensichtliche Europaskepsis?

Christian Dietz: Die Medien spielen eine sehr wichtige Rolle in der politischen Meinungsbildung. Hier stelle ich immer wieder fest, wie erschreckend gering teilweise das Wissen der JournalistInnen zum Thema EU ist. Somit wird weniger objektives Wissen weitergegeben. Wir versuchen hier etwas entgegenzusteuern z.B. mit Journalistenworkshops. Ein Beispiel. In einer Regionalzeitung wurde neulich eine EU-Richtlinie zum Thema Pauschalreisen dargestellt, als wäre sie alleinig in den Bürokratiestuben der Brüsseler Verwaltung entstanden und muss nun zwingend zum Leidwesen der deutschen VerbraucherInnen umgesetzt werden – nach dem Motto „die in Brüssel haben entschieden“. Dabei waren das Europäische Parlament (mit national gewählten AbgeordnetInnen) sowie die FachministerInnen der Länder im Europäischen Rat an der Erarbeitung der Richtlinie maßgeblich beteiligt, und letztlich entscheidet der Bundestag über die tatsächliche Umsetzung der Richtlinie. Unliebsame politische Entscheidungen werden auch von deutschen PolitikerInnen sehr gerne den „Brüsseler Bürokraten“ zugeschrieben.

ES-Spiegel: Wie siehst du Europa in den Wahlprogrammen der Parteien zur Bundestagswahl verortet?

Christian Dietz: In Bezug auf die Bundestagswahl fällt mir auf, dass bis auf Ausnahmen grundsätzlich eine recht proeuropäische Einstellung vertreten wird. Mich freut, dass das soziale Europa der Bürgerinnen und Bürger nun eine größere Rolle spielt. Sieht man sich konkrete Fragen wie z.B. die Verteilung der Flüchtlingskontingente oder supranationale Handelsabkommen an, gibt es nur teilweise eindeutige Positionen. Europa wird hauptsächlich mit Frieden, Wohlstand und Wachstum konnotiert, was einerseits nicht falsch, aber auch etwas zu unspezifisch für die Bevölkerung ist.

ES-Spiegel: Welche Rolle spielt Europa in Sachsen?

Christian Dietz: Die politischen EntscheidungsträgerInnen sollten insbesondere in Sachsen das Thema Europa mehr in den Mittelpunkt rücken. Europa scheint mir hier, anders als in Westdeutschland, eine Begleiterscheinung des deutschen Einigungsprozesses zu sein, die irgendwie positiv aber auch normal ist. Den steinigen Weg der europäischen Integration seit den 1950er Jahren hat man hier übersprungen und kam qua Einigungsvertrag zu Europa. Das führt auch dazu, dass in der Bevölkerung das Thema Europa weniger präsent ist, es hier an entsprechendem Enthusiasmus fehlt. Während in westdeutschen Großstädten beispielsweise umfangreiche Europawochen gefeiert werden, fällt dies in Sachsen etwas bescheidener aus. Dabei profitierte und profitiert Sachsen enorm von der Strukturförderung durch die EU und fällt bis heute unter die Regionen, die über dem europäischen Durchschnitt Transferzahlungen aus EU-Mitteln erhalten. Gegenwärtig wird dies neu ausgehandelt, da wäre ein etwas mehr proeuropäischer Esprit in Sachsen wünschenswert.

ES-Spiegel: Vielen Dank für das Interview!

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