ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Bild: Julian Kamphausen

Die EU - eine Chance für alle?

Europäische Politik betrifft unser aller Leben meist mehr, als wir es wahrnehmen. Für sämtliche Handel-, Verbraucher-, Umwelt-, und rechtlichen Regularien gibt das EU-Regelwerk den Rahmen vor. Definitiv eine Chance in einer großen, einflussreichen Region Standards zu setzten – doch wer entscheidet und für wen? Wird die Unterschiedlichkeit der Menschen wahrgenommen und repräsentiert? Einigkeit in Unterschiedlichkeit ist das Motto der EU – doch welche Unterschiedlichkeit wird da gelebt?

Das Projekt CUBE. Your Take on Europe begegnet diesen Fragen mit einer Idee für Partizipation – ein Plädoyer für mehr Jugendlichkeit und Diversität in Europäischen Zukunftsfragen.

Politische EntscheidungsträgerInnen sind mehrheitlich über 40 Jahre alt, ebenso wie ihr Wählerklientel. Der demografische Wandel hat politische Konsequenzen. Gesellschaften agieren auf der Grundlage eines unausgesprochenen Generationenvertrags, der garantiert, dass es kommenden Generationen nicht schlechter gehen soll, sie also die gleichen Ressourcen und Möglichkeiten haben, wie heutige Generationen. Die Lebensrealität und das heutige Aufwachsen unterscheiden sich durch die rasanten Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat jedoch deutlich. Die Entscheidungen über den Umgang mit Technologie, Datenschutz, Bildung und Umweltstandards, die heute getroffen werden, sind wegweisend für die weitere Entwicklung der Region Europa. Das Wahlrecht zumeist ab 18 Jahren und die Postenverteilung in der Politik, bei der Seniorität oft das leitende Prinzip ist, verhindern, dass junge Stimmen in der Politik aktiv und laut sind. Dabei ist es wichtig, früh die eigene gesellschaftliche Verantwortung zu realisieren und sich für die Zukunft der eigenen Generation einzusetzen.

Wo finden jugendliche Meinungen Eingang in den Europäischen politischen Willensbildungsprozess?

Zivilgesellschaftliche Organisationen, wie die Jungen Europäischen Föderalisten, der europäische Studierenden Verband oder die Jugendsektionen der Europäischen Parteienfamilien sind Möglichkeiten sich europapolitisch zu engagieren. Doch sie alle setzen eines voraus: Das Wissen um die Relevanz europapolitischer Thematiken. Wie kann es sein, dass die jungen Menschen, die als BürgerInnen der Europäischen Union aufwachsen, kaum um ihre bürgerschaftlichen Rechte und Partizipationsmöglichkeiten wissen? Bildungspolitik obliegt der nationalen, in Deutschland sogar der Landesebene, doch ist es nicht die Pflicht eines jeden System, dessen Recht über nationalem Recht steht, seine Bürger aufzuklären?

Wissen ist eines der Hindernisse jugendlicher Partizipation, und es zieht viele Konsequenzen nach sich. Die Chancengleichheit auf Bildung im Allgemeinen, aber auf europapolitische Bildung im Besonderen ist in den wenigsten Mitgliedsstaaten zur Genüge gegeben. Ergo sind Menschen, die aufgrund ihres sozioökonomischen, geografischen, individuellen und Bildungshintergrundes benachteiligt sind, ausgeschlossen von offiziellen Partizipationskanälen. Sich auf das Europäische Jugendparlament zu bewerben, zu Studierendenkonferenzen zugelassen zu werden, auf sämtliche Kongresse zu fahren, setzt einen hohen Grad an Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeitserfahrung voraus. Selbst für die Europaparlamentswahl muss an irgendeiner Stelle mal Aufklärung über die Prozesse und Einflüsse dieses Politischen Systems stattgefunden haben. Wessen Meinungen fließen also letztlich von zivilgesellschaftlicher Seite in den Entscheidungsprozess ein? Es sind die Meinungen einer kleinen Gruppe, die die Chance hatte sich ihres bürgerlichen Rechtes der Mitgestaltung gewahr zu sein und diese auch zu nutzen wissen.

Die EU ist ein demokratisches Projekt, das sich stetig weiterentwickelt. Sollte diese Entwicklung nicht auch demokratisch ablaufen? Sollten nicht alle Menschen in der Region befähigt sein, sich eine Meinung bilden zu können und ihr Recht auf Mitbestimmung wahr machen zu können, besonders die Jugendlichen, deren Zukunft auf dem Tisch liegt? Wenn Europa Einigkeit in Diversität fordert, welche Diversität ist gemeint? Die Diversität von 28 nationalen Chancengewinnern?

Vier junge Frauen haben diese Fragen mit Aktionismus beantwortet: CUBE. Your Take on Europe wurde gegründet mit dem Ziel junge ungehörte Stimmen in die Öffentlichkeit und Europäische Politik zu tragen und jede_n zu fragen: Was soll Europa für dich sein?

Von der Idee zum Projekt

Im Sommer 2016 saßen wir an unserem Küchentisch, den Bachelor in der Tasche und haben uns gefragt wie es weitergeht mit uns und mit der Europäischen Demokratie. Für uns ist klar: es braucht mehr Wissen, um die Chance Europa; mehr Partizipation von Jugendlichen, denen keine Möglichkeit gegeben wird ihre Stimme laut zu machen; mehr Ideen dieses Projekt gemeinsam voranzutreiben und Gesellschaften zusammenwachsen zu lassen.
CUBE möchte als Vermittlerin agieren und insbesondere marginalisierten Gruppen ohne Zugang zu den strukturellen Mitmach-Systemen der EU Möglichkeiten bieten, sich einzubringen und ihre Meinung zu äußern. Mithilfe eines Workshops für alle Schulformen sollen junge Menschen über ihre Position in der EU reflektieren und ihre Utopie-Version, für Europas Zukunft erdenken. Im utopischen Europa geht es vor allem darum, wie man Partizipationsmöglichkeiten für alle BürgerInnen gestalten kann. Aber nicht nur diese Möglichkeiten an sich, sondern auch die Voraussetzungen für aktive Beteiligung können von den Jugendlichen selbst erdacht werden. Ihr Blick auf Faktoren wie Bildung, digitale und transparente Kommunikation sowie das Wahlrecht entspricht dem eines Gesellschaftsteils, der noch nicht zu Wort kommt, noch nicht in den bestehenden Strukturmühlen der Politik feststeckt und deshalb innovative Denkanstöße liefern kann. CUBE will dieses Potenzial, die Ideen der Jungen, an die europäischen Institutionen herantragen und dafür sorgen, dass junge Menschen Einfluss auf politische Entscheidungen ausüben und sich selbst als Teil einer aktiv handelnden Gesellschaft wahrnehmen. Genauso wie junge Meinungen an politische EntscheidungsträgerInnen herangetragen werden müssen, braucht es mehr Kommunikation dieser Entscheidenden an die Jugendlichen. CUBE fordert deshalb Feedback von PolitikerInnen an die Jugendlichen, welches ihre Ideen einbindet und deren Umsetzung, Veränderung oder ihre Nichtanwendbarkeit erklärt.

CUBE selbst ist ein Beispiel für jungen Aktivismus. Das Team ist inzwischen auf acht Mitglieder angewachsen, alle im Alter von 21 bis 24 Jahren. Wir haben das Experiment gewagt, unsere Stimme laut zu machen, unsere Idee für die Zukunft umzusetzen und unsere Wirkungsmöglichkeiten zu testen. Ein Jahr lang haben wir teils Vollzeit, teils nebenzeitlich aber immer voller Energie gestritten, gedacht, konzipiert und getestet und wir sind noch lange nicht am Ziel.

Lasst uns Diversität der Menschen leben: Mit einem Mikro in der Hand und einem Lautsprecher in Brüssel, lässt sich die Einigkeit der vielen Stimmen und Geschichten erfahren. Es liegt an uns Europas Zukunft zu gestalten, lasst uns diese Chance wahrnehmen.

Mehr zu CUBE:

CUBE. Your Take on Europe wurde im letzten Jahr von sopact, einem social startup Inkubator in Lund, Schweden und dem ThinkBig Pro Programm für junge GründerInnen in Deutschland unterstützt. Wir arbeiten über Europa verteilt an der Umsetzung unseres Vorhabens und freuen uns immer über Fragen, Feedback und Unterstützung jeglicher Art. Ihr erreicht uns über facebook: CUBE. Your Take on Europe oder unsere Website: www.cubeyourtake.eu.

Verena Riedmiller hat mit ihren 21 Jahren das Projekt „CUBE. Your take on Europe.“ ins Leben gerufen und setzt sich für die Stärkung der jungen europäischen Zivilgesellschaft ein. Nach ihrem Europa-Studium in Maastricht war es ihr ein wichtiges Anliegen, dass sich junge Menschen stärker an der Politik innerhalb Europas beteiligen und eine Möglichkeit des Austausches hierüber bekommen. Derzeit arbeitet sie an einem Pilotprojekt, welches ein Toolkit für Workshops an Schulen bereitstellt, um sich mit dem Aufbau und den Problematiken der Europäischen Union intensiv auseinanderzusetzen. Junge Menschen haben eine starke Stimme und diese soll gehört werden!

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