ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Illustration: Ellen Hieber

Absurd normale Fragen an Europa-Studierende

Die Meisten, die diesen Artikel lesen, haben etwas mit den Europa-Studien in Chemnitz am Hut, sind Studierende, DozentInnen oder ProfessorInnen oder Freundesfreunde von eben Genannten. Der Artikel bringt nichts Neues, soll aber die Absurdität des Gewohnten verdeutlichen. Eine Liste von Fragen, mit denen sich Europa-Studierende auseinandersetzen müssen.

„Und was macht man dann mit dem Abschluss Europa-Studien?“

Wir, also die, die in Chemnitz und egal wo Europa studieren, müssen des Öfteren in diversen Bekanntenkreisen erklären, was Europa studieren eigentlich heißen soll. „Dann willst du bestimmt mal in Brüssel oder Straßburg arbeiten?“ Definitives Jein. Bestimmt wollen das einige erreichen, aber nicht alle. Europa wird in solchen Gesprächen oftmals – wohlwollend formuliert – gleichgesetzt mit der Europäischen Union. Oder eben einfach verwechselt.

„Also studierst du die Europäische Union?“

Nein. Ein Teil unseres Studiums beschäftigt sich mit der Europäischen Union. Aber vielmehr geht es im Gesamten um den Kontinent Europa – natürlich oftmals in seinen Wechselbeziehungen zu der EU. Aber die Region Südosteuropa, der Balkan, Belarus, Russland oder Norwegen behandeln wir genauso wie die EU-Mitgliedstaaten. Durch den Brexit werden wir uns wahrscheinlich auch intensiver mit dem Vereinigten Königreich auseinandersetzen müssen, da neue Verträge, neue Handelsbeziehungen, neue bilaterale Abkommen und neue diplomatische Herausforderungen auf uns zukommen. Tatsächlich haben die Europa-Studien in Chemnitz einen Schwerpunkt auf die Region Ostmitteleuropa gelegt. Deshalb besteht das Institut aus einer Professur, die sich explizit mit Ostmitteleuropa auseinandersetzt, einer weiteren, die soziale und räumliche Veränderungen in Ostmitteleuropa aus geographischer Sicht aufgreift, zwei Professuren, die sich mit Südwesteuropa (Portugal, Spanien und Frankreich) beschäftigen, eine Professur, die das europäische Recht genauer unter die Lupe nimmt. Der Schwerpunkt Ostmitteleuropa mag daraus nicht unbedingt hervorgehen, ist aber so. Auch müssen wir eine osteuropäische Sprache lernen. Die Auswahl? Polnisch, Tschechisch und Russisch. Europäische Sprachen Russisch – klingt absurd, ist es auch. Für uns Europa-Studierende aber ganz normal.

„Ihr Europa-Studierenden macht ganz schön viele Projekte, oder?“

Hier scheiden sich die Geister. Ja, es gibt viele Projekte. Pessimistische Stimmen werden aber lauter, die sagen, dass es früher viel mehr Projekte gegeben habe und das Engagement der Studierende größer gewesen sei. Früher war alles besser? Früher waren mehr Menschen in den Studiengang eingeschrieben. Früher gab es auch das Bachelor-Projekt, Pflicht für jede_n Studierenden. Einerseits war also die Schnittstelle an möglichen engagierten Menschen größer, andererseits musste jede_r ein Projekt machen. Das war die vorgegebene Normalität. Das hat sich geändert, und dennoch gibt es sehr viele hoch motivierte Studierende, die sich für Europa, die EU oder schlicht den Studiengang einsetzen. Großer Dank geht dabei an die i’es, ohne die es die meisten Projekte nicht gebe. Fun-Fakt am Rande: Ich studiere seit 2010 an der TU Chemnitz, ich habe das Bachelor-Projekt selbst noch in der Studienordnung stehen gehabt. Wir hatten es damals alle so verstanden, dass man ein Event plant und durchführt – und so unter Beweis stellt, dass Europa-Studierende Veranstaltungsmanagement können. Vor einem halben Jahr habe ich erfahren, dass das Projekt eigentlich darauf ausgelegt war, eigene wissenschaftliche Daten zu erheben, um diese in der Abschlussarbeit verwenden zu können. Hier wurde durch die Studierende wohl eine neue Normalität geschaffen.

„Ihr seid dann bestimmt verpflichtet, in einem europäischen Land ein Auslandssemester oder Praktikum zu machen.“

Gesetzlich dürfen wir Studierende nicht gezwungen werden, ins Ausland zu gehen (Sächsisches Hochschulgesetzt). Daher nein, es ist keine Pflicht, wird aber gern gesehen und ist, nennen wir es mal so, eine freiwillige Pflicht. Aber uns ist offen gestellt in welches Land wir wollen. Natürlich hat die TU Chemnitz Partner-Universitäten in verschiedenen Ländern und es ist einfacher, im Rahmen des Erasmus-Programmes auf diese Universitäten zurückzugreifen. Hier erhält man eine Finanzspritze und kann auf diverse Netzwerke zurückgreifen. Aber man kann genauso auf eigene Faust ins Ausland gehen und neue Partnerschaften aufbauen.

Meine Meinung ist: Wer Europa studiert, sollte offen genug sein, seinen Blickwinkel durch einen Ortswechsel zu ändern. Wir sind schon genug in unseren Diskursen und Gewohnheiten gefangen.

„Ist der Studienganz zu interdisziplinär aufgebaut? Was können wir eigentlich danach?“

Diese Frage ist ein internes Europa-Studien-Phänomen. Letztes Jahr (2016) fand beispielsweise das Sommerfest der Europa-Studien zu diesem Thema statt: „Zwischen den (Lehr-)Stühlen? Interdisziplinarität in den Europa-Studien“ lautete der Veranstaltungstitel. Eine Kommilitonin sagte einmal: „Allein wer das Wort Interdisziplinarität ohne zu Stocken aussprechen kann, hat doch schon bewiesen, dass er etwas kann“. Auf jeden Fall können wir Europa-Studierende viel und geraten zu oft in Selbstzweifel. Der Studiengang ist sehr frei aufgebaut und jede_r hat die Möglichkeit seinen/ihren Weg zu gehen und den eigenen Schwerpunkt zu finden. Normal für die einen, Besonders für die anderen – und vor allem geht jede_r anders damit um.

Eine Kritikpunkt habe ich aber am Studiengang oder der Wissenschaft im Bereich Europa generell. Ein echter Austausch zwischen den verschiedenen Ländern findet nicht statt. Wir lernen Europa aus einer deutschen, wissenschaftlichen Perspektive. Wir setzen uns mit deutschen AutorInnen und ihren Meinungen zu Europa auseinander; viel zu selten werden wir dazu angehalten anderssprachige Literatur zu lesen, um den Diskurs zu öffnen. Um es mit den Worten von Prof. Dr. Heidrun Friese zu sagen:

„Wir müssen in der Wissenschaft über nationale Diskurse hinausgehen, gerade in den Sozial- und Kulturtheorien. Es gibt kaum einen Austausch von Diskursen, die außerhalb des Nationalstaates ablaufen.“

Und vielleicht müssen wir Europa-Studierende hier schon im kleinen Rahmen selbst ansetzen und zunächst die Vernetzung der Europa-Studierenden in Deutschland vorantreiben, dann in Europa und dann auf der ganzen Welt. Größenwahn kann auch eine Normalität werden.

Ellen Hieber hat in Chemnitz zunächst Europa-Studien studiert, um dann direkt in den Masterstudiengang 'Europäische Integration Schwerpunkt Ostmitteleuropa' zu wechseln. Besonders angetan hat es ihr die Region Südosteuropa. Nachdem sie schon im Bachelor in Griechenland ein Auslandssemster gemacht hat, befindet sich sich gerade wieder in Thessaloniki. Ihre Masterarbeit soll irgendwas mit Europäischen Identitäten und Erinnerungskulturen zu tun haben.

nach obennach oben

nach obennach oben