ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Zwischen Einwanderungsland, Willkommenskultur und Gutmenschentum

Bei dem Thema Zuwanderung sehen die meisten Deutschen dringend Handlungsbedarf. So gaben in der Studie ‚Challenges for Nations‘ der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2015 35 Prozent der Befragten an, dass sie die größte Herausforderung für Deutschland in der Zuwanderung und Integration von Asylsuchenden sehen. Im Jahr 2014 sahen die Befragten das noch anders, nur 13 Prozent gaben dies als die größte Herausforderung an. Das Thema Zuwanderung polarisiert. Die wohl bekanntesten Positionen bilden das merkelsche Credo ‚Wir schaffen das!‘ sowie das dem gegenüberstehende seehofer’sche ‚Wir sind nicht das Sozialamt der Welt‘. Der ARD-DeutschlandTrend vom Januar 2016 zeigt, dass die Bewertung der Flüchtlingspolitik die Gesellschaft spaltet: so bereitet die hohe Zahl der Flüchtlinge 48 Prozent der Befragten Angst, 45 Prozent empfinden Flüchtlinge wiederum als Bereicherung für die Gesellschaft. Das merkelsche Credo findet bei 44 Prozent Unterstützung, 51 Prozent betrachten es mit hoher Skepsis.

Die mediale Berichterstattung suggerierte eine kurze Phase des Zusammenhaltes in der Gesellschaft: Politik und Bürger schafften eine Kultur des Willkommen-Heißens; es verbreiteten sich schlagartig Bilder von Tausenden von Menschen, die Flüchtlinge an Bahnhöfen mit kleinen Spenden willkommen hießen. Es war eine märchenhafte Stimmung: Deutschland stand für eine bemerkenswerte Willkommenskultur und eine Vorzeige-Einwanderungsgesellschaft.

Doch mehr und mehr wurde die Stimmung mit dem Gedanken vergiftet, was passiere, wenn wir es nicht schaffen würden. Unsicherheit verbreitete sich. Ihren Höhepunkt brachte die Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten mit sich. Menschen, die sich für Flüchtlinge eingesetzt hatten, wurden nun als sogenannte ‚Gutmenschen‘ oder alternativ als ‚Gutbürger‘ beschimpft – eine sprachlich ironische Verkehrung. Die zuvor aufgebrachte Toleranz und Hilfsbereitschaft wurde pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus verunglimpft.

Der ehrenamtliche Flüchtlingsarbeiter als Gutmensch?

Es gibt derzeit ein bemerkenswertes Phänomen namens ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit. Die Zahl derjenigen, die sich ehrenamtlich engagieren, hat im letzten Jahr laut der EFA-Studie ‚Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland‘ von Serhat Karakayali und J. Olaf Kleist um rund 70 Prozent zugenommen. Ein neuartiges Phänomen? Wohl kaum: ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit steht in einer langen Tradition der zivilgesellschaftlichen Hilfe für Schutzsuchende. Davon zumindest gehen die beiden Autoren aus. Sie vermuten, dass es diese gesellschaftliche Hilfe für Schutzsuchende schon immer gegeben habe und dass sich das Rad gerade nicht neu erfinden wird. Schon früher, aber vor allem mit der Entstehung von Nationalstaaten im 18. Jahrhundert sei es in Europa zu massiven Anstiegen der Flüchtlingszahlen gekommen. Das liege daran, dass national begründete Zugehörigkeiten zu Verfolgung von Minderheiten geführt haben. Während die Verwaltungen noch überfordert die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, packten freiwillige Helfer an. Schon im Habsburger Reich in den 1870er Jahren lässt sich dies nachweisen: als bosnische Flüchtlinge Schutz suchten, war die nationalstaatliche Verwaltung zunächst überfordert. Daher kam es zu den ersten bürgerlichen Hilfsbewegungen und zu einem ersten freiwilligen humanitären Engagement für Flüchtlinge. In Europa insgesamt gründeten sich im Ersten Weltkrieg viele ehrenamtliche Hilfsorganisationen für Flüchtlinge, die vor der Deutschen Armee flohen. Und auch während und nach dem Zweiten Weltkrieg, als Europa ein ‚Kontinent von Flüchtlingen‘ war, wären schutzsuchende Personen nicht ohne die Hilfe von Freiwilligen ausgekommen. Auch in Deutschland gab es trotz vorherrschender Skepsis nach dem Zweiten Weltkrieg vielfältige Unterstützung durch Hilfsorganisationen für Vertriebene und solche, die als politische Flüchtlinge galten. Ebenfalls bei der Ankunft vietnamesischer Flüchtlinge in Deutschland in den 1970er Jahren erfolgte Unterstützung. Im Übrigen auch in den 1990er Jahren: neben den rassistischen Übergriffen auf Asylsuchende und der Asylrechtsreform entstanden viele ehrenamtliche Hilfsorganisationen zur Unterstützung von Kriegsflüchtlingen aus dem Balkan.

Auch die zahlreichen Flüchtlinge, die derzeit in Deutschland ankommen, brauchen jemanden, der ihnen hilft im deutschen Verwaltungsdschungel zu überleben. Diese ‚Jemande‘ sind ehrenamtliche Helfer. Mit Übersetzungs- und Orientierungshilfen bewaffnet heißen sie die Flüchtlinge willkommen. Es sind die Menschen, die auf den Bildern des Münchner Hauptbahnhofs zu sehen waren. Es sind die Menschen, die für eine lobenswerte Willkommenskultur in Deutschland ihr Gesicht gaben. Es sind die Menschen, die sich gegen alltägliche Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen. Und es sind die Menschen, die sich von Rassisten als Gutmenschen beschimpfen lassen müssen. Wer sind diese Menschen, die sich freiwillig für Schutzsuchende engagieren? Und welche Motivationen liegen ihren Handlungen zugrunde?

Serhat Karakayali und J. Olaf Kleist gehen in ihrer Studie diesen Fragen nach. Den Autoren war aufgefallen, dass es zwar einige Studien über ehrenamtliches Arbeiten in der Flüchtlingshilfe gibt, diese aber meist den Zusammenhang zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und der Integration von Flüchtlingen untersuchen. In ihrer Studie dagegen liegt das ehrenamtliche Engagement an sich im Fokus.

In ihren Ergebnissen halten sie fest, wer sich warum ehrenamtlich engagiert: Ein überraschend hoher Anteil, etwa 70 Prozent der Studien-Teilnehmer, ist weiblich. Zudem haben Ehrenamtliche in diesem Bereich einen besonders guten Bildungsstand im Vergleich zur Bevölkerung von Deutschland. Ebenso auffällig ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, auch hier ist der Anteil unter den Ehrenamtlichen höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Die häufigsten Arbeiten, die im Ehrenamt anfallen, sind neben Behördengängen vor allem Übersetzungstätigkeiten. Zudem nimmt die Organisation der Arbeit selbst einen großen Raum ein. Knapp 40 Prozent der Befragten setzen sich jenseits bestehender Strukturen für Flüchtlinge ein. Die überwiegende Mehrheit der Befragten gibt zudem an, dass sie mit ihrem ehrenamtlichen Engagement nicht nur die humanitäre Situation der Flüchtlinge verbessern, sondern ‚Gesellschaft gestalten‘ wollen.

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