ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Zum Glück nicht Schweden!

Überfliegt man die Liste der Mitarbeiter der Professur Anorganische Chemie an der TU Chemnitz, gewinnt man den Eindruck, dass dieses Team recht international aufgestellt ist. Auch Khaybar Assim befindet sich unter den Namen. Bis zu seinem 13. Lebensjahr lebte er mit seinen Eltern und zwei Brüdern in Kabul. Eines Tages standen die Taliban vor der Haustür und wollten seinen Vater „sprechen“, damals ein ranghoher Politiker im Verteidigungsministerium. Durch einen glücklichen Umstand war dieser gerade außer Haus und entging dem schlimmen Schicksal seiner Kollegen. Schweren Herzens verließ er daraufhin „sein Land“ mit den beiden älteren Söhnen in Richtung Pakistan. Nach dem Verkauf allen Besitzes folgten auch Khaybar und dessen Mutter.

„Der Weg nach Deutschland war wahrscheinlich das Einprägsamste, was ich in meinem bisherigen Leben erlebt habe.“ Die Fluchtroute, die Khaybar im Rückblick als ziemlich riskant empfindet, führte sie mit Flugzeug, Bus, Bahn, Taxi und zu Fuß durch Russland, die Ukraine und Polen schließlich nach Deutschland. Da sie in Berlin von der Polizei aufgegriffen und registriert wurden, war die Reise für sie hier zu Ende und konnte nicht wie geplant nach Schweden fortgesetzt werden. Dort lebte inzwischen Khaybars älterer Bruder. Im Nachhinein ist Khaybar froh, dass es so gekommen ist, denn „Schweden ist ja noch kälter!“

Die erste Zeit in Deutschland war sehr herausfordernd. Ein Jahr im Asylheim St. Egidien (Sachsen), dann ein Umzug nach Zwickau. Als Jüngster der Familie wurde Khaybar durch seine Englischkenntnisse zum Mittler und Sprachrohr der Familie – eine große Verantwortung. „Dann denke ich da an die Schule in Glauchau. Sie war so was wie eine Hölle auf Erden für mich.“ Hänseleien waren an der Tagesordnung. Doch er ging bestärkt aus allem hervor, lernte zu kämpfen und seine Ziele, insbesondere in der Bildung, zu verfolgen. Heute promoviert er.

Vor diesem Hintergrund sieht er in dem Zuzug von Flüchtlingen weniger ein Problem als eine Chance. „Ich finde, je vielfältiger und bunter eine Gesellschaft ist, desto kreativer, innovativer und fortschrittlicher kann sie werden.“ Zudem werde diese durch die Schutzsuchenden verjüngt. Es sei hilfreich, wenn Geflüchteten in Schulen und Ämtern möglichst normal, vorurteilsfrei und menschlich begegnet werden würde. Im Jobcenter sei dies beispielsweise nicht immer der Fall. Sprachkurse und Arbeit erleichterten ebenfalls die Integration. Wichtigste Voraussetzung dafür sei aber ein gemeinsames Ziel, ein Entgegenkommen unabhängig von Religion oder Aussehen. „Dann wird es auch was.“

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