ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

„Wir machen etwas mit Flüchtlingen, nicht nur für Flüchtlinge“

Was brauchen Flüchtlinge eigentlich? Wie kommen sie an Informationen? Und wie können ihnen die Informationen am besten bereitgestellt werden?

Diese und weitere Fragen stellten sich Dipl.-Soz. Vivien Sommer und Andreas Bischof M.A. von der Professur Medienkommunikation der TU Chemnitz gemeinsam mit Sandra Münch vom Verein Bon Courage. Nachdem Sandra Münch im Februar 2015 eine Anfrage an die Universität gestellt hatte, wurde daraus ein Lehr-Lern-Projekt. Im Sommersemester 2015 wurden zunächst Erhebungen zum Informationsbedarf und zur Mediennutzung von Flüchtlingen durchgeführt. Die Erhebungen ergaben viele spannende Ergebnisse und Anknüpfungspunkte. Eine wichtige Erkenntnis aus diesem Semester war, dass Geflüchtete selbst Experten für ihre Situation und insbesondere für ihren Medienbedarf sind. Daher kamen die Projektteilnehmer zu dem Schluss, dass Asylsuchende stärker in den Entwicklungsprozess von Medienangeboten einbezogen werden sollten.

Der Beginn der Workshops

Der Schwerpunkt im anschließenden Wintersemester 2015/16 lag somit auf Mediendesign-Workshops, an denen die Asylsuchenden selbst mitwirkten. Diese Workshops wurden im Rahmen eines Seminars des Master-Studiengangs Digitale Medien- und Kommunikationskulturen von Studierenden durchgeführt. Sie hatten dabei unterschiedliche Aufgaben zu erledigen, unter anderem bei der Organisation der Workshops, der Kontaktaufnahme zu Teilnehmern und der Öffentlichkeitsarbeit. Patricia Dietel, selbst Studentin der Digitalen Medien- und Kommunikationskulturen, war im Medienteam beispielsweise für die einzelnen E-Mail-Adressen zur Kommunikation sowie die sozialen Medien zuständig. Als größte Herausforderung sah sie es, während des Workshops vieles gleichzeitig zu machen. Natürlich waren diese Workshops für alle anstrengend. „Für das Medienteam hieß es: Fotografieren, Videos drehen, auf Twitter und Facebook posten und protokollieren. Zum Glück waren wir aber meistens zu dritt und konnten uns die Arbeit gut aufteilen“, sagte die Studentin.

Impressionen vom Workshop
Impressionen vom Workshop

Object Recycling

Die Workshops wurden anhand der Methode Object Recycling durchgeführt. Alle Teilnehmer sollten zunächst eine beliebige Sache mitbringen, welche dann in der Gruppe versteigert wurde. Aus dem neu erworbenen Gegenstand sollte anschließend wiederum etwas ganz Neues gebastelt werden. Dabei konnte jeder seiner Kreativität freien Lauf lassen. Die Asylsuchenden sollten etwas herstellen, das sie im Alltag gut gebrauchen konnten. Anschließend wurden alle fertigen Objekte präsentiert und erklärt. Dabei ging es weniger um die Herstellung von Kunstwerken als um den Austausch untereinander. Die Teilnehmer sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen, darüber nachdenken und somit leichter zu Ergebnissen kommen. Wenn man bedenkt, dass die Sprache für Asylsuchende oft ein Hindernis bei der Kommunikation in Deutschland ist, bringt die angewandte Methode einige Vorteile mit sich. Durch den kreativen Ansatz werden sprachliche Probleme teilweise umgangen. Weiterhin ist es einfacher Wünsche oder Bedürfnisse in diesem Rahmen zu formulieren. Auch ist die Frage, was man braucht, oft schwer direkt zu beantworten.

Impressionen vom Workshop
Impressionen vom Workshop
Das Object Recycling hat den Teilnehmern geholfen, mit einem schwierigen Thema auf eine leichtere Art umzugehen. Herausgekommen sind am Ende beispielsweise Transportmittel, um schnell in andere Länder zu kommen oder Dinge, die bei der Überwindung der Sprachbarriere helfen sollen. Ein Teilnehmer hat dazu einen Magic Lipstick entwickelt, welcher automatisch übersetzt. Nebenbei gab es natürlich auch Verpflegung und Gespräche sowie Spaß beim Kennenlernen und Kontakte knüpfen. Patricia war besonders beeindruckt, wie schnell sich manche Teilnehmer auf die Aufgabe eingelassen haben. Weiterhin erzählte die Studentin: „Mich hat auch überrascht, wie engagiert manche waren. Wir hatten einen 19-jährigen Teilnehmer, der schon beim ersten Workshop dabei war. Er spricht sechs Sprachen und hat für uns übersetzt, da viele verschiedensprachige Teilnehmer da waren. Auf unsere Bitte hin, kam er auch zu den folgenden Workshops. Auch sonst haben sich die Teilnehmer untereinander viel geholfen. Wenn sich jemand nicht getraut hat zu präsentieren, wurde er von den anderen ermutigt.“

Die Idee zu den Workshops hat Projektleiterin Vivien Sommer von der Kommunikationsdesignerin Viola Kup übernommen. Sie wurde deshalb auch zum Probeworkshop der Studierenden eingeladen, um ihnen wertvolle Tipps mit auf den Weg zu geben. Vivien Sommer war sehr begeistert von den Workshops, da sich bestimmte Dinge noch entwickeln konnten, die so vorher nicht erwartet wurden: „Oft wurde von den Teilnehmern die Fluchtgeschichte selbst thematisiert, was wir vorher nicht auf dem Schirm hatten. Es ging um Transportmittel wie Autos oder Boote. Aber auch die Völkerverständigung war ein wichtiges Thema. Die Asylsuchenden haben überlegt, was sie selbst der Bevölkerung geben können.“

Ausblick

Das Projekt Medien und Asyl wird zunächst noch bis Oktober 2016 finanziert. Ausgehend von den Beobachtungen und Ergebnissen der Workshops sollen als nächstes konkrete Prototypen von Medienanwendungen entwickelt werden, die speziell auf Flüchtlinge zugeschnitten sind. Es sollen Medienangebote entstehen, die von Geflüchteten selbst mitentwickelt wurden.

Insgesamt ist Vivien Sommer bisher mit dem Projekt sehr zufrieden. Da es sich um ein reales Projekt handelt, ist die Motivation der Studierenden sehr hoch. Weiterhin haben die Workshops geholfen, mehr über das Thema Asyl zu lernen und auch die eigene Meinung oder Sichtweise zu überdenken und möglicherweise zu revidieren. Es handelt sich ganz klar um ein partizipatives Projekt. „Wir machen etwas mit Flüchtlingen, nicht nur für Flüchtlinge“, so Sommer. Somit war auch der Kontakt zu den Teilnehmern sehr wichtig. Asylsuchende haben ein großes Bedürfnis, Kontakt aufzubauen und Menschen kennenzulernen. Nicht immer wird ihnen die Gelegenheit gegeben, mit Chemnitzern in Kontakt zu kommen – gemeinsame Orte des Kennenlernens und Austauschens sind noch nicht in ausreichender Menge vorhanden. Deshalb konnte hier auch in diesem Punkt im Kleinen geholfen werden.

Das Projekt Medien und Asyl hat sich also als eine sehr gute Möglichkeit herausgestellt, um Kontakt zu Flüchtlingen herzustellen und gleichzeitig etwas zu entwickeln, was wirklich gebraucht wird.

Ein herzlicher Dank gilt Vivien Sommer und Patricia Dietel für ihre Auskünfte und die Beantwortung meiner Fragen. Weitere Informationen und Fotos gibt es auf der Webseite des Projekts sowie auf Facebook und Twitter.

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