ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Where do you come from?

„Wo kommst Du her?” fragte mich meine Mutter.

Was für eine Frage! So was weiß man mit vier!

„Von Max Schwarte.“

In unserer Kleinstadt war Max Schwarte das Einzelhandelsfachgeschäft für Kindertextilien. Mit echten Käthe Kruse Schaufensterpuppen.

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Warum nur wollen die Menschen immer wissen, woher man kommt? Genügt es nicht, da zu sein? Man wird es schon erzählen. Unter Umständen. Bei Gelegenheit.

Vielleicht möchte man lieber erzählen, wohin man geht…

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Als ich in frankophonen Ländern studierte, machten die Menschen zumindest immer Vorschläge, von wo ich denn kommen sollte: Schweden war der Favorit, gefolgt von Finnland, den Niederlanden und Großbritannien. Deutschland wurde selten angenommen.

Nach einer Phase des Zögerns entschied ich mich für Andalusien. Später bastelte ich mir eine passgenaue toulouser Vita.

Das kam mir zugute, als ich in Limoges lebte. Die dortigen Uni-Menschen irritierte es, dass ich häufiger nach Toulouse reiste als nach Paris… und ich wurde la Toulousaine genannt.

In Berlin stellte man sich häufig vor, ich sei aus der Schweiz; vor der Wende lag auch Polen gut im Rennen.

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In noch keiner Stadt habe ich so lange gelebt wie in Chemnitz. Und tue es immer noch. Sächsisch habe ich nicht wirklich gelernt, in anderen Gegenden entsteht ob meiner Aussprache der stimmhaften und stimmlosen Konsonanten schon mal Konfusion. Da scheint sich in der Klangfarbe des Deutschen bei mir doch etwas verändert zu haben…

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Ja, Chemnitz, mein Chemnitz… Zugehörigkeit… Und dann. Man spricht über dieses und jenes, und dann: „Sie sind von hier?“ „Nein, nein, das kann nicht sein!“, sagt diese Frage unterschwellig.

Sogleich fühlt man sich ausgestoßen. An den Pranger gestellt.

„Bürgerlich. Nicht von Adel!“

Im realen Leben, da draußen, habe ich diese Antwort noch nicht ausprobiert.

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Seitdem wir alle irgendwie unterwegs sind, im Transit – 244 Millionen von uns sind auf der Flucht – verliert diese Frage an Lustigkeit, taucht jedoch inflationär, geradezu bei allen Gelegenheiten auf.

Allgegenwärtig.

,,Where do you come from?''

Sie wird auch immer ungenierter gestellt. Oh, durchaus noch bevor man seinen Namen genannt hat.

Ab. Klassifiziert. Sofort ins Archiv der Herkunft. Mit und ohne arische Großmutter.

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„Where do you come from?“ ist eine sehr intime Frage, die Persönlichkeitsrechte verletzt.

Eine Kontrolle, bei der sich der Fragende inquisitorisch über den Befragten erhebt.

Parsival.

Vor dem Gesetz.

Damit sage ich nicht, dass Herkunft und gelebtes Leben keine Aussage über das Hier und Jetzt machen können, sondern gerade darum, weil. Wegen der mythischen Wirkmächtigkeit.

Aber warum, warum soll derjenige, der offensichtlich etwas Exotisches für den Fragenden an sich hat, und der Befragte weiß und fühlt ja eh, dass er für den Fragenden exotisch ist, einem wildfremden Menschen so viel von sich preisgeben?

Prof. Brummert docteur d'état
Prof. Brummert docteur d'état
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Bildnachweis:

  • Titelbild: pexels.com
  • Romanische Kulturwissenschaft
  • Alexandra Ode am 6.7.16 um 17:22 Uhr:

    Bei der Frage „Where do you come from?“ kann ich beim besten Willen keine Verletzung der Persönlichkeitsrechte erkennen, das fehlte noch.
    „Where do you come from?“ kann ebenso Interesse und Zuwendung für den Fremden bekunden, ihn zum Sprechen bringen und ihn aus seiner Isolierung holen.
    Wer fragt, der führt, das ist eine alte Binsenweisheit. Deshalb ist man noch lange kein Inquisitor. Es geht stets um die Absicht des Fragenden.
    Hinter der Frage Ihrer Mutter steckt berechtigtes Interesse, wenn nicht gar Besorgnis. Was ist daran verkehrt?
    Nein, bei „Where do you come from?“ oder "What's your name?" sind Gewissensbisse völlig fehl am Platz. Solche Fragen gehören zu den tauglichen Bindemitteln der Gesellschaft, genauso wie die launigen Gespräche über das Wetter.

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