ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Von Syrien nach Chemnitz – die Geschichte eines syrischen Geflüchteten

60 Millionen Flüchtlinge weltweit. Über 4 Millionen Menschen sind laut UNHCR mittlerweile seit Beginn des Bürgerkriegs aus Syrien geflohen, um Schutz in den Nachbarländern oder Europa zu suchen. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden in Deutschland im Jahr 2015 162.510 Asylanträge syrischer Bürger registriert. All dies sind Zahlen und Statistiken. Man erhält sie aus den Medien und hört sie in Gesprächen. Doch es sind keine Zahlen, die zu uns kommen, sondern einzelne Menschen, die Schutz suchen. Einer davon ist Mustafa. Zusammen mit seinem Bruder verließ er seine Heimat Syrien auf der Suche nach einer Zukunft. Über die Flucht und sein Leben in Deutschland erzählte er mir bei einem Treffen im März.

Mustafa ist 22 Jahre alt. Aufgewachsen ist er mit seinen Eltern und zwei Brüdern in Masyaf, einer kleinen Stadt im Westen Syriens nicht weit vom Meer. Nach der Schule ging Mustafa nach Latakia, um das Fach „Engineering Technology“ zu studieren. Der Bürgerkrieg in Syrien zwang ihn jedoch dazu, sein Studium wieder abzubrechen. Er musste zum Militär. Statt Studienbüchern sollte er die Waffe in die Hand nehmen und sie gegen die eigenen Leute richten. Eine Zukunft sah er deshalb in seiner Heimat nicht mehr. Noch bevor er in die Armee eingezogen wurde, flüchtete Mustafa zu seinem Bruder in den Libanon. Der Rest der Familie blieb in Syrien.

Gemeinsam planten die zwei Brüder ihren Weg nach Europa. Das Ziel war Deutschland, wo sie Asyl beantragen wollten. Welche Vorstellung er von Deutschland hatte, fragte ich ihn. „Ein Leben ohne Krieg, ohne Angst und die Möglichkeit wieder studieren zu können“, antwortete Mustafa. Trotzdem sei er Realist. Ihm war bewusst, dass in Deutschland nicht alles wunderbar ist und einfach werden würde. Aber eine andere Option als die Flucht war für ihn ausgeschlossen.

Vom Libanon ging es über die Türkei und die östliche Mittelmeerroute mit dem Boot weiter nach Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und letztendlich Deutschland. Einen Teil der Strecke legten sie mit drei weiteren Männern aus verschiedenen Ländern zurück. Geschlafen wurde meistens draußen in der Kälte oder in Bussen. Neben der Polizei, von der sie sich fernhielten, mussten sie immer auch auf der Hut vor der Mafia sein, die auf das Geld der Männer aus war. Doch die Flüchtlinge halfen sich untereinander. Immer wieder bekamen sie Tipps, welche Routen sicher sind und wo aufgepasst werden muss. In der Türkei zahlten sie Schleppern viel Geld für die gefährliche Überfahrt nach Europa. Das Boot war vollkommen überfüllt. Doch sie hatten Glück und schafften es sicher ans griechische Festland. Von der griechisch-mazedonischen Grenze nach Serbien war die Gruppe fünf Tage zu Fuß unterwegs. Ohne Smartphone und GPS wäre diese Hürde nur schwer zu überwinden gewesen. „Hätte uns die Polizei erwischt, wären wir sofort nach Griechenland zurückgeschickt worden.“ In Serbien schickten Mustafa und sein Bruder ihre Pässe an einen Bekannten, der bereits in Deutschland war. Eine Maßnahme, damit ihnen niemand die wichtigen Dokumente abnehmen konnte oder sie verloren gehen.

Dann ging es weiter nach Ungarn. So schnell wie möglich wollten sie von hier mit dem Zug nach Deutschland gelangen. Doch die Brüder verloren sich. Bei einer Polizeikontrolle wurde Mustafa mehrere Stunden von der ungarischen Polizei in Budapest festgehalten, während sein Bruder, mit dem gesamten Geld, allerdings ohne Handy, fliehen konnte. Damit war der Kontakt zwischen den beiden vorerst abgebrochen und Mustafa ohne Geld aufgeschmissen. „Ich hatte nichts mehr und keine Ahnung, ob mein Bruder bereits in Wien war oder sich noch in Budapest aufhielt.“ Über die rassistischen Beleidigungen und die Drohungen mit der Waffe spricht er nur kurz und schüttelt immer wieder den Kopf bei der Erinnerung an diesen Tag. Wieder auf freiem Fuß und in Sorge, sein Bruder sei bereits in Wien oder Deutschland, streifte Mustafa durch die Straßen Budapests. Mithilfe eines Mannes aus Pakistan fand er ihn jedoch in einer U-Bahnstation wieder. Kurze Freude über das Wiedersehen, dann ging es mit dem Zug weiter.

Mitte April 2015 erreichten sie schließlich Regensburg. 20 Tage waren sie auf der Flucht vom Libanon nach Deutschland. Auch wenn sie bei ihrer Ankunft in Deutschland keine Pässe bei sich hatten, glaubten die Behörden bei der Erstregistrierung den Aussagen der Brüder nach ihrer Herkunft. Es wurde kein Übersetzer hinzugeholt, der die genaue Herkunft hätte bestätigen können, wie das in einigen Fällen der Fall ist. Immer wieder kommt es vor, dass sich Asylsuchende als syrische Staatsbürger ausgeben, um ihre Chance auf eine Aufenthaltserlaubnis zu erhöhen.

Nach zwei Tagen in Regensburg wurden die Brüder in die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz-Ebersdorf weitergeleitet. Sechs Tage verbrachten sie dort, ehe Mustafa für einige Zeit in Borna lebte und anschließend mit seinem Bruder und weiteren Geflüchteten in eine Wohnung auf dem Kaßberg zog. Die Stadt Chemnitz verfolgt bei der Unterbringung der Geflüchteten ein dezentrales Konzept. Das bedeutet, dass auf die verschiedenen Stadtgebiete verteilt, Unterkünfte für Asylsuchende zur Verfügung gestellt werden. Wesentliches Merkmal dabei ist, dass die Bewohner relativ selbstständig leben.

Mustafa hatte nach der Asylantragsstellung vorerst eine Aufenthaltsgestattung erhalten, die ihn berechtigte, bis zum Abschluss des Asylverfahrens in Deutschland zu leben. Dann hieß es warten, bis der Antrag bearbeitet war. Die Perspektive einer vergleichsweise zügigen Bearbeitung der Anträge syrischer Geflüchteter ist gut. Trotzdem dauerte es 10 Monate, bis sein Antrag bearbeitet wurde. Er erhielt, gemäß der Genfer Flüchtlingskonventionen, Flüchtlingsschutz und eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis, einen Status, den viele Asylsuchende aus Syrien in Deutschland erhalten.

In der Zwischenzeit besuchte er in der Berufsschule einen Deutschkurs und gewöhnte sich an seine neue Situation in einem fremden Land. Aber es gefällt ihm hier und es ist ihm wichtig, sich zu integrieren und integriert zu werden. Deshalb wohnt er mittlerweile in einer WG mit deutschen Studenten. „Der Austausch ist für mich der beste Weg der Integration.“

Drei Wochen ist es jetzt her, dass Mustafa Gewissheit über seine Zukunft hat. Jedenfalls für die nächsten drei Jahre. Was es für ihn bedeutet? Vor allem Sicherheit und Hoffnung. Er kann jetzt nach vorne blicken und an sein Studium denken. „Endlich kann ich anfangen. Ich will wieder studieren, wahrscheinlich Physik.“

Gleichzeitig ist sich Mustafa bewusst, dass sein Start in Deutschland gut verlaufen ist und die Probleme, die er im Vergleich zu anderen Asylsuchenden hat, klein sind. Hin und wieder muss er sich zwar rassistische Kommentare anhören, aber er hat wieder eine Perspektive.

An eine Rückkehr nach Syrien will er erstmal nicht denken. Es würde ihn nur davon abhalten, sich auf seine neue Umgebung und die damit verbundenen sprachlichen und kulturellen Herausforderungen einzulassen.

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