ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Louays Fotomotiv: Der Karl-Marx-Kopf in Chemnitz

Remember me.

[…] I want to say […] a word for people who will see these photos and our conversation. […] I want to tell THEM Syria like […] ALL countries has its own history, its own people, its own cities, its own stories […] its own EVERYTHING. […] And […] we came here and we are really, really sorry, if we are annoying for anyone else. For German people. Really we respect German people and German history. And German culture. Really. […] the people gave us a lot of good things. […] just we need to find peace right now. We are so tired of war in our country. That’s why I respect Germany. I wish Germany to stay […] freedom forever […]. [1]

Im Kontext der aktuellen Flüchtlingsdebatte rückt die Frage nach nationaler, kultureller und religiöser Zugehörigkeit immer weiter in den Vordergrund. Der öffentliche Diskurs macht deutlich, dass Asylsuchende zunehmend als Bedrohung wahrgenommen werden. Die Kluft zwischen Annahme des Fremden und Angst vor dem Fremden wird dabei immer größer. Das Thema Xenophobie oder Fremdenfeindlichkeit wird zu einem Thema, das inzwischen den Alltag in unserer Gesellschaft bestimmt. Auch in Chemnitz sind wir mit dieser Problematik konfrontiert.

Vor diesem Hintergrund ist im Rahmen des Seminars Interkulturelle Kommunikation in einem ausgewählten Forschungs und Praxisfeld II im Wintersemester 2015/2016 das Fotoprojekt CHEMNITZ mit neuen Augen sehen entstanden, an dem wir, Neslihan Altun (Studentin der Europa-Studien) und Madlen Lauterbach (Studentin Europäische Integration), teilgenommen haben. An der Umsetzung dieses Projektes haben sich alle Seminarteilnehmer rege beteiligt. Ziel sollte es sein, eine Sensibilität innerhalb der Chemnitzer Bevölkerung gegenüber Geflüchteten zu schaffen und zu zeigen, dass wir alle nicht so unterschiedlich sind, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Es ging uns insbesondere darum, die empfundene abstrakte Angst vor dem Fremden zu relativieren und die Menschen auf emotionaler Ebene zu erreichen.

Über die Flüchtlingsorganisation Chemnitzer Brücke e.V. haben wir Louay Obied und Adel Alsabbagh aus Syrien kennengelernt, die unsere Projektpartner wurden. Louay ist 26 Jahre alt, stammt aus Damaskus und hat dort einen Hochschulabschluss im Bereich Wirtschaftswissenschaften absolviert. Sein Freund Adel Alsabbagh hat ebenfalls in Syrien studiert und seinen Bachelor in Maschinenbau abgeschlossen. Beide haben großes Interesse daran, sich zu integrieren und lernen fleißig Deutsch – Louay spricht außerdem sehr gut Englisch. Louay erhielt von uns eine Einwegkamera und die Aufgabe, Fotos von Orten oder Dingen aufzunehmen, die ihn in Chemnitz an seine Heimat erinnern. Um ehrlich zu sein: Anfangs konnten wir uns nicht so recht vorstellen, wie dies in der Umsetzung aussehen sollte. Aber Louay überraschte uns mit einer Vielzahl guter Bilder, von denen schließlich drei für unser Projekt ausgewählt wurden. Auf Basis der drei Fotos haben wir Fragen für ein Interview zu diesen ausgearbeitet und dieses mit Louay durchgeführt.

Neslihan Altun (links), Louay Obied und Adel Alsabbagh (Mitte), Madlen Lauterbach (rechts)
Neslihan Altun (links), Louay Obied und Adel Alsabbagh (Mitte), Madlen Lauterbach (rechts)

Unter den entstandenen Fotografien fand sich ein ganz besonderes Foto – das Foto, das den Karl-Marx-Kopf zeigt. Für uns war es etwas erstaunlich, dass Louay dieses Fotomotiv gewählt hatte und es ergab sich die Frage, welche Verbindung zwischen Karl Marx und Syrien bestehen sollte. So stellten wir die politische Nähe Syriens zum Kommunismus fest, indem Louay u.a. über den dortigen Aufstieg der kommunistischen Partei in den 1980er Jahren berichtete. Die kommunistische Partei fand Resonanz innerhalb der syrischen Bevölkerung und unterstützte die politischen Ideen von Karl Marx und Lenin. Es zeigte sich hier eine starke Verbindung zur Geschichte von Chemnitz und der gesamten DDR. Ähnlich wie in Syrien war auch in einem überwiegenden Teil der Bevölkerung von Chemnitz die Verherrlichung von kommunistischem Gedankengut gegeben. Jegliche Verbindung zwischen Syrien und dem Kommunismus war uns bis dato vollkommen unbekannt. Es ist anzunehmen, dass sich die Mehrheit der Bewohner von Chemnitz über diese Verbindung nicht im Klaren ist.

Louay und auch Adel wollten zuerst nicht, dass wir dieses Foto in unserem Projekt verwenden, da sie negative Reaktionen fürchteten. Zum einen befürchteten sie, dass eine negative Äußerung über Karl Marx von der Chemnitzer Bevölkerung als beleidigend aufgefasst werden könne. Zum anderen sind sie durch das politische System in Syrien dermaßen negativ geprägt, dass sie Angst haben, jegliche politische Kritik könnte Sanktionen nach sich ziehen. Dennoch konnten wir beiden ihre Ängste nehmen. Das Foto ist zum Hauptbestandteil unseres Projektes geworden.

Im Laufe des Projektes hat sich für uns ein eigener Projekttitel entwickelt: Remember me. Für uns ist es wichtig, dass die persönlichen Geschichten der Neuankommenden Gehör finden. Wir sind überzeugt davon, dass eine friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen möglich ist und wünschen uns Toleranz und vor allem auch Akzeptanz. Wir beide sind sehr dankbar dafür, dass wir ein Teil des Projektes CHEMNITZ mit neuen Augen sehen sein konnten. Es war für uns in seinem vollen Umfang lehrreich, überraschend, beeindruckend und hat unseren persönlichen Horizont um einiges erweitert. Zwischen Louay, Adel und uns hat sich eine Freundschaft entwickelt, die wir nicht mehr missen möchten. Und abschließend möchten wir noch eines sagen: Fotos erzählen Geschichten – für jeden eine andere.

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Literatur:

  • Transkript (2016): Interview mit Loay Obied. Im Projekt: „CHEMNITZ mit neuen Augen sehen“. Chemnitz.

Bildnachweis:

  • Titelbild entstand im Rahmen des Seminars
  • private Bilder

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