ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Festung Europa – Auf den Wegen der Flüchtlinge

„Weltweit haben fast 60 Millionen Menschen ihre Heimat durch Konflikt und Verfolgung verloren“ (UNHCR). In der Hoffnung auf ein besseres Leben und eine sichere Zukunft lassen sie alles hinter sich und kommen – zumindest einige von ihnen – nach Europa. Aber was wissen wir eigentlich über diese Menschen? Wie kommen sie hierher? Und vor allem: Was nehmen sie auf sich, um noch einmal neu anfangen zu können?

Legale Einreise in die EU am Beispiel Deutschland

Wer in der EU Asyl beantragen möchte, muss sich in der Regel auf dem Territorium der EU befinden. Möchte man als Ausländer in die EU bzw. nach Deutschland einreisen, braucht man grundsätzlich eine Einreiseerlaubnis, sofern man kein EU-Bürger ist. Dabei wird hinsichtlich des Zwecks (Arbeit, Familie, etc.) und der Staatsangehörigkeit des Ausländers unterschieden. Es gibt eine gemeinsame Liste der EU-Staaten, die Länder enthält, die ein Visum benötigen, um in die EU einzureisen. Das sind ca. 120 Länder. Es gibt kaum ein Krisengebiet der Erde, das sich nicht auf dieser Liste befindet. Und wer aus einem Krisengebiet kommt, bekommt selten ein Visum, da dann davon ausgegangen wird, dass die Menschen nicht mehr zurückkehren. Nur sehr wenige Flüchtlinge erhalten also eine legale Einreiseerlaubnis. Somit müssen sie ironischerweise zunächst auf illegalem Wege einreisen, um überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, einen Antrag auf Asyl zu stellen.

Illegale Einreise in die EU

Grenzübertritte, bei denen die Personen nicht durch eine gültige Aufenthaltserlaubnis zur Einreise in das Zielland berechtigt sind, gelten als illegal. Diese illegale Einreise der Flüchtlinge in die Europäische Union findet aktuell über verschiedene Fluchtrouten statt. Laut Statista gab es zwischen Januar und Dezember 2015 insgesamt 1.822.260 illegale Grenzübertritte. Das folgende Diagramm zeigt, wie sie auf die einzelnen Routen verteilt sind.

Weiterleitung zur Grafik

Hauptsächlich gibt es sieben Fluchtrouten (laut Neuer Züricher Zeitung und Süddeutscher Zeitung), die von Flüchtlingen genutzt werden, um in die Europäische Union zu gelangen. Wie im Diagramm deutlich zu sehen, werden zwei bzw. drei Routen besonders häufig zur Einreise verfolgt.

Über die Ost-Mittelmeer-Route kamen im letzten Jahr rund 885.000 Menschen nach Europa. Diese Route beginnt in den ostafrikanischen Ländern. Von dort versuchen die Flüchtlinge über Ägypten, Jordanien und den Libanon in die Türkei zu gelangen. Die Route wird auch von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder Somalia häufig genutzt, welche ebenfalls über die Türkei weiter nach Europa kommen wollen. Auf diesen ersten Landweg folgt eine Überquerung des Mittelmeeres mit dem Boot auf die griechischen Inseln oder das Festland. Als Vorteil sehen die Flüchtlinge wohl, dass die vielen Inseln und Küsten Griechenlands nur schwer zu kontrollieren sind. Allerdings birgt die Mittelmeerüberfahrt erhebliche Gefahren, durch die schon tausende Menschen ums Leben gekommen sind.

Die West-Balkan-Route ist ein reiner Landweg, über welchen im letzten Jahr laut Statista rund 764.000 Menschen in die Europäische Union geflohen sind. Hauptsächlich kommen über diese Route Menschen aus den Balkanstaaten oder auch aus Asien (über die Türkei, Ungarn oder Rumänien). Die West-Balkan-Route ist eine mögliche Fortsetzung der Ost-Mittelmeer-Route, weshalb auch Syrer und Somalier auf diesem Wege nach Europa kommen, um Asyl zu beantragen. Von Mazedonien geht es meist mit der Hilfe von Schleppern weiter nach Serbien, Ungarn, Österreich und Deutschland sowie zum Teil in die skandinavischen Länder.

Mit knapp 154.000 Flüchtlingen ist die Zentral-Mittelmeer-Route der am dritthäufigsten genutzte Weg nach Europa. Die Menschen vom Horn von Afrika und aus Westafrika durchqueren die nordafrikanischen Länder wie zum Beispiel Algerien, Tunesien und Libyen, um mit Booten auf die italienischen Inseln Lampedusa oder Sizilien bzw. nach Malta zu kommen. Auch diese Route ist aufgrund der Mittelmeerüberquerung sehr gefährlich.

Die West-Mittelmeer-Route führt über Nordafrika nach Spanien. Flüchtlinge, die diesen Weg nutzen, kommen meistens aus Mali, Kamerun, Guinea, Nigeria oder der Demokratischen Republik Kongo.

Über die Albanien-Griechenland-Route kommen Flüchtlinge beispielsweise aus Syrien, Nigeria und Eritrea in die Europäische Union. Die Route führt, wie der Name bereits sagt, über Albanien und Griechenland. Sie ähnelt der West-Balkan-Route sehr stark und unterscheidet sich hauptsächlich bei der Durchquerung Albaniens statt Mazedoniens. Möglicherweise ist dies auf andere Grenzübertrittsbestimmungen zurückzuführen.

Auch über den Landweg durch Osteuropa, die sogenannte Osteuropa-Route, kommen Menschen nach Europa. Die Route führt von der Ukraine nach Polen und in die Slowakei. Hauptsächlich Flüchtlinge aus der Ukraine, Afghanistan und Vietnam überqueren die Grenzen auf diesem Wege.

Die am wenigsten genutzte Route schließlich ist die Westafrika-Route. Über diesen Seeweg kamen 2015 insgesamt 874 Menschen. Zunächst führt die Route in die Westsahara oder nach Marokko und von dort auf die kanarischen Inseln. Der Großteil der Flüchtlinge auf dieser Route stammt aus Mali, Ghana und Kamerun.

Auf den folgenden Karten kann man die entsprechenden Routen sowie Hindernisse und Gefahren nachvollziehen.

Weiterleitung ,Festung Europa' sowie ,Fluchtrouten'

#Grenzgänger auf der West-Balkan-Route

Im Rahmen des Projektes #Grenzgänger des Bündnisses Entwicklung hilft haben die beiden Studenten Hannah Pool und Felix Volkmar vom 6. bis 18. September 2015 Flüchtlinge auf ihrem Weg über die West-Balkan-Route von Griechenland bis nach Deutschland begleitet. Während dieser Reise haben sie ihre Eindrücke gesammelt und Geschichten von Geflüchteten in Fotos und kurzen Berichten festgehalten.

Auf der griechischen Insel Kos startete der Weg für Hannah und Felix. Dort verbrachten sie zunächst einige Zeit in Zeltlagern gemeinsam mit den Flüchtlingen. Von dort sollte es mit der Fähre weiter nach Athen gehen.

Sonntag, 06.09.2015, 17:05 Uhr, Kos (Griechenland): „Aufbruchsstimmung nicht nur bei uns! Nach 12 Tagen auf der Insel Kos geht es sowohl für uns, als auch für die syrische Familie von Ahmed auf in Richtung Athen. Nach tagelangem Warten heute endlich die ersehnten Papiere zur Weiterfahrt durch Griechenland. Es kann losgehen!“

Montag, 7.09.2015, 10:15 Uhr, Athen (Griechenland): „‘Parke Victoria‘ wie eine Formel wird diese Ortsangabe in Athen bei Geflüchteten schon in ihren Heimatländern herumgereicht. Der Park soll der Ausgangspunkt, die Informationsstelle und der Treffpunkt für alle Weiterfahrten nach Westeuropa sein. Wo genau er ist, wurde heute Morgen schon von zwei Afghanen laut durch die Bahn gerufen. Wir sind auf dem Weg.“

Montag, 07.09.2015, 19:59 Uhr, Athen (Griechenland): „‘Welches Land liegt zwischen Griechenland und Deutschland?‘ Eine junge Frau mit zwei Kindern schaut mich fragend an. Ich muss schlucken. Informationen und Wissen über die Route sind rar. Die dadurch existierende Lücke wird gefüllt von Gerüchten und der Abhängigkeit von Schleppern. Beides kommt die Geflüchteten teuer zu stehen.“

Grenzgänger - Impressionen
Grenzgänger - Impressionen

Mithilfe von öffentlichen Bussen oder Mitfahrgelegenheiten sind die beiden wie auch zahlreiche Flüchtlinge auf dem Weg nach Mazedonien.

Mittwoch, 09.09.2015, 10:22 Uhr, Idomeni (Griechenland): „Angekommen an der Grenze. Ungefähr 2000 Leute warten hier darauf, den illegalen aber mittlerweile semioffiziellen Grenzübergang überqueren zu dürfen. In Gruppen à 50 Leuten dürfen die Geflüchteten rüber. Bisher ist alles recht ruhig und geordnet. Wir sind erleichtert, dass die Gerüchte einer gezielten Eskalation heute, wie letzte Woche, scheinbar falsch waren.“

Donnerstag, 10.09.2015, 9:40 Uhr, Gevgelija (Mazedonien): „Es regnet seit gestern Abend ununterbrochen in Bindfäden. Es muss der erste Regen auf der Flucht sein. Bisher war es bei 30 Grad immer möglich auch nachts im Freien zu schlafen. Wir denken an das große, freie Feld, an dem wir gestern an der griechischen Grenze sechs Stunden lang waren. Es ist davon auszugehen, dass viele dort übernachten mussten. Jetzt, um 7 Uhr morgens, werden die ersten Busse mit weiteren 5000 Leuten für den heutigen Tag dort langsam aus Athen ankommen. Im Camp auf der mazedonischen Seite stehen die Leute in geordneten Reihen ohne Schutz im Regen und warten auf den Zug, der sie zur nächsten Station auf ihrem langen Weg bringt. Alle sind klitschnass, viele zittern vor Kälte.“

Eigentlich wollten Hannah und Felix genau wie die tausenden Geflüchteten von Gevgelija nach Serbien weiterfahren. Es gab verschiedene Möglichkeiten dorthin zu gelangen, entweder mit dem Zug, Bus oder Taxi. Allerdings waren die Züge am Morgen schon voll. Auch die Busse und Taxen würden bei weitem nicht ausreichen. Und es kamen immer neue Flüchtlinge an. Da es den beiden logistisch einfach nicht möglich war, mit den Flüchtlingen weiterzureisen, sind sie in die mazedonische Hauptstadt Skopje gefahren und von dort weiter mit dem Bus nach Belgrad. In Serbien würden sie dann wieder auf die Geflüchteten treffen.

Samstag, 12.09.2015, Belgrad (Serbien): „Dass Smartphones auf der Flucht kein luxuriöses Accessoire, sondern lebensnotwendige Begleiter sind, ist mittlerweile den meisten bewusst. Besonders nützlich werden sie durch die Informationsverteilung in den sozialen Netzwerken. Heute Mittag fahren wir von Belgrad nach Kanjiza und von dort aus geht es dann zu Fuß weiter zur ungarischen Grenze.“

Samstag, 12.09.2015, Belgrad (Serbien): „Eigentlich fährt das Busunternehmen gar nicht nach Kanjiza an der ungarischen Grenze. Seit letzter Woche fahren die Busse jedoch rund um die Uhr die dreistündige Strecke hin und her. Der Bus ist voll. Eltern dürfen ihre Kinder ausnahmsweise umsonst mitnehmen, wenn sie auf dem Schoß sitzen, also haben wir noch einmal 20 zusätzliche kleine Passagiere. Schon das Einsteigen war ein Chaos und die Sitzverteilung führte zu Streit. Bei allen liegen die Nerven blank. Der Fahrer ist müde, seit gestern fährt er den Weg auf und ab. Er will den Leuten helfen und ist selbst sprachlos und aufgewühlt von den Massen an Familien, die da durch sein Land fahren, um Sicherheit zu finden.“

Über den Streckenabschnitt Serbien-Ungarn haben die beiden Grenzgänger seit Beginn ihrer Reise viele gegensätzliche Geschichten und Gerüchte gehört. Vom Einsatz von Kampfhunden und Schießbefehlen, aber auch über Höflichkeit und Polizisten, die mit Flüchtlingen bis zur österreichischen Grenze fahren, wurde berichtet.

Grenzgänger - Impressionen
Grenzgänger - Impressionen

Sonntag, 13.09.2015, Horgoš (Serbien): „Wer die Grenze am inoffiziellen Übergang nimmt, ist für einen Moment überrascht, wie einfach es erscheint. Keine Hunde, keine Gewalt. Das erwartet nur jene, die sich durch die Maisfelder schlagen wollen. Das einzige Ziel für diese Gefahrenaufnahme ist es, bloß keine Fingerabdrücke abgeben zu müssen und somit in Ungarn registriert zu werden.“

Grenzgänger - Impressionen
Grenzgänger - Impressionen
Grenzgänger - Impressionen
Grenzgänger - Impressionen

Montag, 14.09.2015, Budapest (Ungarn): „Zur Zeit ist die Lage hier in Budapest sehr ruhig. Die ehrenamtlichen Helfer hier am Bahnhof Keleti erwarten allerdings wieder zahlreiche Flüchtlinge heute Nacht. In den letzten Tagen sind die Züge und Busse aus der Grenzstadt Röszke meistens zwischen zwei und vier Uhr nachts angekommen. Wir bleiben die Nacht über hier am Bahnhof.“

Von Budapest aus ging es dann schließlich weiter nach Wien. Teilweise reisten sie mit dem Zug, teilweise trampten Hannah und Felix.

Mittwoch, 16.09.2015, Wien (Österreich): „Tausende Hände, die anpacken und eine Organisation, die jedem seinen richtigen Platz zuweist. Der Wiener Bahnhof hat mittlerweile um die tausend Flüchtlinge aufgenommen und dennoch ist noch kein Chaos zu sehen. Die Freiwilligen finden sich über Wiener Apps zusammen, alles ist dreisprachig und die Stadt Wien informiert mit Postern über die Sicherheitslage, Versorgung und Ortskunde. Nachts werden die Flüchtlinge mit Bussen in umliegende Zelte und Turnhallen gebracht, während sie sich tagsüber in der Stadt aufhalten können. Ein eigens eingerichteter Familienbereich in einem umfunktionierten Parkhaus bietet Schutz und die ganz Kleinen toben sich in einem über Nacht entstandenen "Kindergartenraum" aus.“

Donnerstag, 17.09.2015, Wien (Österreich): „Nach 17 Tagen auf der Balkanroute nähern wir uns heute der deutschen Grenze. So viel haben wir über diese Grenze gehört, so viele Hoffnungen sind bei den Leuten um uns herum mit dem Übergang verbunden, dass auch in unseren Köpfen der Grenzübertritt die Gestalt einer wahren Überquerung angenommen hat. Wir werden zunächst bis nach Salzburg fahren, dort mit Freiwilligen sprechen und dann über die deutsche Grenze nach Freilassing laufen.“

Donnerstag, 17.09.2015: „Der Bahnverkehr zwischen Österreich und Deutschland wurde eingestellt und so fahren wir mit dem Salzburger Nahverkehrsbus bis zur letzten Haltestation vor Deutschland. Zusammen mit einer syrischen Familie laufen wir die letzten 300 Meter bis zur langen Schlange, die sich auf der Grenzbrücke gebildet hat. Es sind 27 Grad, die Sonne prallt auf den Asphalt und eine Gruppe Syrer ruft immer wieder "Merkel, Merkel". Es ist unklar, ob Flüchtlinge über die Grenze kommen können oder nicht. Mal scheint es, als ob die Polizei kleine Gruppen durchlässt, mal als ob alles stehen bleibe. Wanderer, Radfahrer und Einkäufer spazieren über die Brücke. Deutschland ist 10 Meter von uns entfernt.“

Donnerstag, 17.09.2015: „Der 24er Bus verbindet Österreich und Deutschland. Salzburg und Freilassing. Ein wahrer Grenzgänger. Sein Verkehr ist momentan stark eingeschränkt. Von Österreich kommend wird er auf deutscher Seite kontrolliert. Drei Flüchtlinge steigen aus, die Tickets in der Hand. Die deutschen Grenzpolizisten holen Sie [sic!] ab und führen Sie [sic!] zum deutschen Registrierungslager. Egal, sie haben es geschafft.“

Endlich. Nach mehreren Wochen haben Hannah und Felix es genau wie unzählige Flüchtlinge nach Deutschland geschafft. Hier werden dann die Daten der Menschen aufgenommen. Sie können noch eine Nacht im Camp verbringen und werden dann auf die deutschen Asylbewerberunterkünfte verteilt.

Freitag, 18.09.2015: „Was wünschen wir den Menschen, die wir ein Stück auf ihrer Flucht begleiten durften? Wir wünschen ihnen, dass sie ein eigenes Zimmer haben, mit einer Tür, die sie zuziehen können, wenn sie allein sein wollen. Den Luxus der Privatsphäre, den es seit Wochen oder Monaten nicht mehr gab. Wir wünschen ihnen, dass sie die Albträume von der Bootsüberfahrt bald loslassen können. Dass sie ganz normal in einen Bus einsteigen können, ohne dass sie den Drang verspüren, sich mit Ellenbogen vorkämpfen zu müssen, immer mit der Angst, dass nur dieser Bus heute noch fährt und sie näher an ihr Ziel bringen kann. Wir wünschen ihnen, dass eine saubere Toilette für sie bald schon keine Besonderheit mehr ist, sondern ein Teil des Alltags. Mehr als alles andere aber wünschen wir ihnen, dass sie ankommen können.“

Für die meisten sind die Wege und Strecken der Geflüchteten schwer nachvollziehbar. Auch kann man sie kaum theoretisch erläutern. Im Grunde gehört viel mehr zu diesen Routen – und nur wenig Theorie und Rationalität. So spannend die einzelnen Einblicke in das Leben der Menschen auf der Flucht auch sind – vorstellen, was sie wirklich durchmachen, kann sich wohl niemand so richtig. Oft ist der einzige Antrieb ihre Hoffnung. Die Hoffnung auf eine sichere Zukunft.

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