ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Eines unter vielen oder doch etwas ganz anderes? Das Projekt FIS

FIS – Das ist die Abkürzung für Flüchtlinge in Sachsen und stellt eine Forschungsinitiative von Wissenschaftlern dar, die sich die Beobachtung und Analyse der Situation von Geflüchteten in den sächsischen Kommunen auf die Fahnen geschrieben haben. Im Interview stellt uns Junior-Professorin Birgit Glorius, Mitinitiatorin der Initiative, die wichtigsten Eckpfeiler der Projektarbeit vor und erklärt, wodurch sich genau dieses Projekt von anderen unterscheidet.

Eichhorst: Wie kam es zur Entstehung dieses Projektes?

Glorius: Der Ursprung war ein bereits bestehendes Projekt eines europäischen Wissenschaftlernetzwerkes, das die Situation von Flüchtlingen in den verschiedenen europäischen Ländern erforscht – Refugess in European Localities. Um nun die erforschten Ansätze auf regionaler Ebene anwenden und überprüfen zu können, rief ich zusammen mit Anne-Christin Schondelmayer das Projekt FIS ins Leben. Da der Themenkomplex Flüchtlinge im Jahr 2014 allgegenwärtig wurde, fand sich schnell eine offene Gruppe zusammen, die damit begann, Konzepte zur Flüchtlingsforschung zu diskutieren und empirische Forschungen zu betreiben. Und so begann im Herbst 2014 die Forschungsinitiative ihren Lauf zu nehmen. Zunächst beteiligten sich hauptsächlich Masterstudierende der Pädagogik, die im Rahmen eines Seminars empirische Projekte durchgeführt haben.

Eichhorst: Wer kann an dem Projekt teilnehmen?

Glorius: Im Sommersemester entstand eine neue Gruppe, zusammengesetzt aus Studierenden der Bereiche Pädagogik, Europa-Studien und Politikwissenschaften. Es kann jeder teilnehmen, der Interesse an empirischer Projektarbeit hat. Es ist natürlich ein einfacheres Arbeiten, wenn empirische Methoden bereits beherrscht werden, aber im Kollektiv können bereits erworbene Kenntnisse auch noch mal aufgefrischt und vertieft werden.

Jun.-Prof. Dr. Birgit Glorius
Jun.-Prof. Dr. Birgit Glorius

Eichhorst: Welches Ziel verfolgt das Projekt?

Glorius: Mit Hilfe der empirischen Forschung in Form von Fallstudien möchten wir ein möglichst komplettes Bild von der gegenwärtigen Situation der Geflüchteten in den Kommunen erstellen. Beobachtungen, Medienauswertungen und Interviews mit Amtsträgern, Sozialarbeitern, Flüchtlingen und der Bevölkerung vor Ort werden dann wie ein Puzzle zu einem Ganzen zusammengefügt und sollen Aufschluss über die Umsetzung der Integration von Flüchtlingen in den Kommunen geben, zum Beispiel wie verschiedene Gesetze interpretiert und angewendet werden. Es ist uns wichtig, die Situation vor Ort zu erfassen!

Eichhorst: Zeichnen sich bereits Zwischenergebnisse ab?

Glorius: Das Bild in den Kommunen ist sehr heterogen. Sowohl beim Vergleich auf europäischer als auch auf regionaler Ebene innerhalb eines Landes, lassen sich deutliche Unterschiede erkennen. Woher diese starken Unterschiede kommen, erforschen wir derzeit noch durch die Interpretation unseres Materials – weg von platten Vorurteilen, im Osten sind alle ausländerfeindlich und im Westen hält die Willkommenskultur Einzug.

Eichhorst: Wie werden die Ergebnisse präsentiert?

Glorius: Im Januar 2016 fand ein öffentliches Treffen statt und die Bewerbung für Tagungen mit bestimmten Vortragsthemen läuft auf Hochtouren, um an dem wissenschaftlichen Austausch teilnehmen zu können und die Ergebnisse nach außen zu kommunizieren. Berichte von Tagungen, Neuigkeiten und Aufsätze werden laufend auf unserer Internetseite veröffentlicht.

Eichhorst: Was hebt das Projekt von anderen Projekten zum Flüchtlingsdiskurs ab?

Glorius: Es gibt zurzeit viele interdisziplinäre Forschergruppen an Hochschulen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Das ist besonders dahingehend wichtig, dass als Wissenschaftler eine bestimmte Verantwortung übernommen werden muss. Dennoch zeichnet sich unser Projekt dadurch ab, dass wir unsere Ergebnisse über den gesamten Zeitraum mit der Öffentlichkeit kommunizieren und nicht im Geheimen tüfteln. Es ist eine sehr hohe Nachfrage nach Kenntnissen aus diesem Bereichen gegeben. Das merken wir daran, dass vermehrt Parteien, Planungsverbände oder andere Institutionen auf uns zukommen und an Ergebnissen interessiert sind. Unsere Forschung ist auf den Transfer ausgerichtet.

Zudem stellen wir einen Knotenpunkt in der gesamten europäischen Integrationslandschaft dar. Jedes Land legt die Gesetze unterschiedlich aus und dadurch variiert auch die Umsetzung der Flüchtlingspolitik. Durch den Zoom auf die regionale Ebene aber lässt sich die Anwendbarkeit vor Ort analysieren und erweitert den Blick für die Landesebene.

Eichhorst: Welche Lösungsansätze wurden bereits entwickelt?

Glorius: An der Art und Weise der Kommunikation sollte gearbeitet werden. Oftmals wird auch die Verantwortung an die nächst höhere Institution abgegeben. Es muss die Verantwortung vor Ort übernommen werden. Außerdem sollten mehr Positivbeispiele kommuniziert werden, die dann zu einem Stimmungswandel führen. Die interkulturelle Kommunikation wird ein immer wichtigerer Bestandteil für die Gesellschaft und damit sollten wir uns alle auseinandersetzen und uns auf Kulturunterschiede einlassen, indem wir einfach im interkulturellen Bereich Kompetenzen erwerben.

Eichhorst: Wie schätzen Sie die Situation in Sachsen in Bezug auf den Flüchtlingsdiskurs ein?

Glorius: In Bezug auf die Unterbringung, dem Zusammenleben und dem alltäglichen Umgang, hat der Druck erheblich abgenommen, da die Neuankünfte nachgelassen haben. Durch die teilweise Auflösung von Notunterkünften und die Räumung von Turnhallen kehrt eine Beruhigung ein. Das ist eine große Hilfe für die Akteure, die versuchen das Ganze zu bewältigen. Eine gewisse Routine kehrt in manchen Bereichen ein. Gegenläufig dazu hat sich aber die politische Kultur und der öffentliche Diskurs verändert. Stichwort PEGIDA – Die Antistimmung wird immer stärker und ist teilweise durch irrationale Diskurse gekennzeichnet. Dies liegt zum Teil auch an den Mechanismen der öffentlichen Wahrnehmung, wer redet schon über den normalen Alltag. Daher ist es umso wichtiger, Positivbeispiele zu kommunizieren und den Diskurs mit wissenschaftlichen Kenntnissen zu Bereichern.

Eichhorst: Vielen Dank für das Gespräch!

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