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Eine Zeitreise durch die Geschichte des Asylbegriffs

Mit dem Begriff des Asyls werden wir zurzeit ständig und überall konfrontiert. Doch was genau bedeutet das Wort „Asyl“ eigentlich? Der Duden liefert auf diese Frage folgende Antwort: Asyl bedeutet so viel wie „Aufnahme und Schutz“ (für Verfolgte) „Zuflucht(sort)“ oder auch „Heim“. Der Ursprung des Wortes liegt im lateinischen Wort „asylum“ und dem griechischen Begriff „asylon“, was eigentlich „das Unverletzliche“ bedeutet.

Das Unverletzliche. Klingt nach etwas Unantastbarem, was dem Betroffenen ohne großem Widerstand oder Leugnen zugestanden werden kann und sollte. Mit einem Blick auf aktuelle Schlagzeilen, Berichte und verschiedene Meinungsdiskurse wird der Eindruck groß, dass das nicht so einfach ist, wie es im ersten Moment scheint. Die Bedeutung von „Asyl“ hat sich innerhalb der Geschichte fortlaufend gewandelt. Begeben wir uns also auf eine Zeitreise, um der Historie des Asylbegriffs und dessen Bedeutung auf den Grund zu gehen.

Erster Stopp: Antike

Ein Mensch aus der Antike würde auf die Frage, was für ihn Asyl bedeutet, Folgendes antworten: „Asyl bedeutet, dass alles und jeder, was sich also in einem göttlichen Tempel befindet, in den Besitz des Gottes übergeht und somit unantastbar für uns Sterbliche wird. Der Fluchtgrund ist Nebensache.“

Versteht man „Asyl“ als Form des Schutzes vor persönlicher Verfolgung, existieren im archaischen Griechenland zwei verschiedene Unterformen: Zum einen die „Hikesie“, zum anderen das persönliche Asyl. Hikesie bedeutet so viel wie „heiliges Asyl“ oder „Tempelasyl“. Hikesie beschreibt dabei das Ritual des „Asylgewährens“, Asyl ist vielmehr der daraus resultierende Zustand der Person, die ab diesem Zeitpunkt unter Schutz steht, so der Historiker Martin Dreher. Bestimmte heilige Stätten und Tempel bieten dem flüchtenden Menschen Schutz vor Verfolgung. Das Heiligtum besitzt eine Unverletzlichkeit und indem der Schutzsuchende diesen sakralen Raum betritt, überschreitet er Grenzen. Nicht nur die wirkliche, sondern auch die symbolische Grenze. Er übergibt sich in die Hand des „zuständigen“ Gottes und unterwirft sich dessen Macht. Der Zuständigkeitsbereich verschiebt sich von dem der Sterblichen in den der Götter. Alles, was sich in einem göttlichen Tempel befindet, geht in den Besitz des Gottes über und darf daher nicht weggeführt werden – unabhängig davon, aus welchem Grund sich jemand auf der Flucht befindet. Somit halten sich auch Verbrecher, Sklaven und Schuldner in Tempeln auf und genießen „Asyl“. Sklavenhandel ist in der Antike Alltag, genau wie der Kriegszustand und daraus resultierende Fluchtbewegungen. Als zweite Unterform existiert das persönliche Asyl. Dies bedeutet das Recht eines Menschen in einem anderen Land Schutz zu suchen, was von dem jeweiligen Herrscher wiederum genehmigt werden muss. Im antiken Rom sind die beiden Arten des Schutzes, also die Hikesie und das persönliche Asyl, nicht mehr begrifflich getrennt.

Für die Menschen in der Antike gibt es allgemein keine direkte Relation zwischen dem Aufkommen von Migration, Asyl und Flucht. Des Weiteren war die gängige Meinung der Menschen aus der Antike, „Asyl“ sei nicht als Schutz vor Gefahr zu verstehen, sondern als Eigenschaft bestimmter Orte oder Personen, die Schutz gewähren.

Zweiter Stopp: Mittelalter

„Asyl ist ein Ort, wo christliche Nächstenliebe herrscht. Sobald dort jemand Schutz sucht, soll dieser aus Respekt unterstützt werden. Barmherzigkeit ist eine christliche Tugend und sollte gelebt werden.“

So die wahrscheinliche Antwort eines Menschen aus dem Mittelalter auf die Frage, was er unter Asyl versteht.

Laut der Anthropologin Anne Ducloux werden im Mittelalter die Asylvorstellungen der Römer und Germanen mit dem Gedanken der Nächstenliebe und dem christlichen Ethos verbunden. Der Begriff „Asyl“ ist also, wie das Mittelalter selbst, kirchlich geprägt. Die Kirche nimmt Flüchtende auf, darunter auch jene, die sich eines Verbrechens schuldig gemacht hatten. In diesem Falle ist der gewährte Schutz allerdings nur vorübergehend und der Betroffene muss sich entscheiden, ob er beichtet und das Land verlässt oder sich dem richterlichen Urteil stellt. Im Mittelalter ist der Asylbegriff wie in der Antike die Bezeichnung eines Ortes, an dem ein Verfolgter Schutz vor dem Zugriff seiner Feinde findet und wo „Sonderfriede“ herrscht. Oftmals herrscht dieser „Sonderfriede“ nicht nur an dem heiligen Ort wie beispielsweise in der Kirche selbst, sondern auch in dessen unmittelbarem Umfeld. Demjenigen, der diesen Frieden und die Heiligkeit des Ortes nicht respektiert, droht die Exkommunikation.

Dritter Stopp: 20. Jahrhundert und Gegenwart

„Asyl bedeutet Aufnahme und Schutz von Verfolgten. Jeder, der aus politischen, rassischen, religiösen oder anderen Gründen verfolgt wird, hat das Recht, an einem vor Verfolgung sicheren Aufenthaltsort Zuflucht finden zu können.“

So könnte die aktuelle, weit verbreitete Auffassung des Asylbegriffs zusammenfasst lauten.

Das 20. Jahrhundert ist mitunter geprägt von zwei Weltkriegen, dem Nationalsozialismus und Systemkonflikten, wodurch die Fluchtgründe und auch die Zahl der Asylsuchenden in die Höhe schnellen. Der Begriff des Asyls nimmt immer mehr politische und rechtliche Züge an. Nach den Weltkriegen führen internationale Bestrebungen dazu, dass das Asylrecht mehr und mehr gestärkt wird. Die Bundesrepublik Deutschland verankert dieses 1949 in Artikel 16 Abs. 2 Satz 2 des Grundgesetzes. Auch durch die Genfer Flüchtlingskonvention, die 1951 verabschiedet wird, wird der Rechtsstatus der Geflüchteten geregelt und der Asylbegriff taucht immer öfter in politischen Debatten auf. Nach dem Immigrieren von Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands Mitte des 20. Jahrhunderts und einer steigenden Flüchtlingszahl in den 1970er Jahren wird der Begriff des Asyls immer mehr politisiert. Ab 1993 wird das Recht auf Asyl in Artikel 16 Abs. 2 Satz 2 des Grundgesetzes eingegrenzt (heute Artikel 16a GG): Menschen, die aus einem EU-Mitgliedstaat einreisen oder aus einem Drittstaat, in dem die Wahrung der Menschenrechte im Sinne der Vereinten Nationen gewährleistet ist, sind nicht mehr asylberechtigt.

Der Begriff „Asyl“ wird in der heutigen Zeit häufig mit dem des „Asylrechts“ gleichgesetzt, da „Asyl“ vorwiegend als grundlegendes Menschenrecht interpretiert und verstanden wird.

Abschließend dieser Zeitreise kann angemerkt werden, dass „Asyl“ keineswegs ein moderner, neuer Begriff ist, sondern sich „nur“ seine Bedeutung und das Verständnis der Menschen geändert hat. „Asyl“ ist heute nicht mehr nur ein Ort oder eine Person, wo Schutzsuchende Zuflucht finden können, es ist viel mehr als das: Asyl ist ein gesetzlich verankertes Menschenrecht eines jeden Menschen, der aus politischen, religiösen oder ähnlichen Gründen verfolgt wird. Das Recht einen sicheren Ort zu finden, zu erreichen und dort den Schutz zu bekommen, den er braucht.

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Literatur:

  • Bade, Klaus (2015): Zur Karriere abschätziger Begriffe in der deutschen Asylpolitik. In: BpB (Hg.): Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 65.Jahrgang. 25/2015. Verfügbar über: http://zbi-uni-hildesheim.de/wp-content/uploads/2015/11/Hannes-Schammann-Rette-sich-wer-kann.pdf; letzter Zugriff: 14.03.2016.
  • Chaniotis, Angelos (2007): Die Entwicklung der griechischen Asylie. Ritualdynamik und die Grenzen des Rechtsvergleichs. In: Leonhard Burckardt/Klaus Seybold/Jürgen von Ungern-Sternberg (Hg.): Gesetzgebung in antiken Gesellschaften. Israel, Griechenland, Rom. Berlin: de Gruyter, S.233-246.
  • Ducloux, Anne (1994): Ad ecclesiam confugere. Naissance du droit d´asilie dans les églises (IVe-milieu du Ve. s.). De l'archeologie a l'histoire. Paris: De Boccard.
  • Dreher, Martin (2003): Hikesie und  Asylie in den Hiketiden des Aischylos.  In: Martin Dreher (Hg.): Das antike Asyl: kultische Grundlagen, rechtliche Ausgestaltung und politische Funktion. Köln: Böhlau, S. 59-84.
  • Haase, Marianne (2007): Asyl- und Flüchtlingspolitik der EU. In: BpB (Hg.): Dossier Migration. Verfügbar über: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56551/asyl-fluechtlingspolitik; letzter Zugriff: 16.03.2016.
  • Krannich, Matthias (2011): Das Kirchenasyl. Eine empirische Studie zu den Auswirkungen auf das Gemeindeleben. Humboldt Universität zu Berlin: Magisterarbeit, 2. überarbeitete Ausgabe.
  • Müller, Doreen (2010): Flucht und Asyl in europäischen Migrationsregimen. Metamorphosen einer umkämpften Kategorie am Beispiel der EU, Deutschlands und Polens. Universitätsverlag Göttingen.
  • Neumayer, Ingo (2016): Flüchtlinge. In: Planetwissen (Hg.). Verfügbar über: http://www.planetwissen.de/geschichte/menschenrechte/fluechtlinge/pwwbfluechtlinge100.html; letzter Zugriff: 10.02.2016.
  • Tremmel, Hans (1994): Menschenrechtliche Aspekte der Diskussion um das Asylrecht: Gnadenrecht der souveränen Staaten oder individuelles Menschenrecht der politisch Verfolgten? In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften (Hg.): Flucht-Asyl-Migration. Bd. 35.

Bildnachweis:

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