ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Asyl in Chemnitz - Produktion eines Radiofeatures

Jana Beinhorn, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Kultureller und Sozialer Wandel, hat in den letzten zwei Semestern einige Seminare rund um das Thema Asyl angeboten. Schon im Wintersemester 2013/14 beschäftigte sie sich mit der Thematik „Flüchtlinge in Europa“, in den nachkommenden Semestern folgten eine Auseinandersetzung mit den Themen „Grenzschutz, Asyl und Menschenrechte“ sowie „Migration und Integration in Deutschland“ – im Fokus ihrer Forschung stand stets der Diskurs. Mit ihrem aktuellsten Projekt, der Produktion eines Radiofeatures, wechselt sie die Seiten und wird von der Diskurs-Konsumentin zur Diskurs-Produzentin. In diesem Interview erzählt sie uns von ihrer Motivation und ihren Zielen, die sie mit diesen Seminar-Angeboten anstrebt.

‚Asyl in Chemnitz – Produktion eines Radiofeatures‘ als Seminar. Was können wir uns darunter vorstellen? Erstellen Studierende eine Audio-Reportage?

Ja, so ungefähr. Ein Feature ist letztendlich eine Radiosendung, die sich intensiv mit einem bestimmten Thema beschäftigt, und die verschiedene Elemente wie Interviews, Geräusche, Musik, Sprechertexte, etc. einsetzt und zusammenfügt. Dabei hat man einen ziemlich großen Spielraum. Es gibt also keine feste Form des Features. Im Seminar haben wir uns daher erstmal damit beschäftigt, welche verschiedenen Arten von Features es gibt, wie ein Feature aufgebaut werden kann und welche Elemente eingesetzt werden können. Danach ging es um Asylpolitik und Asyldiskurse, aber auch um die Situation in Chemnitz. Im Anschluss hat dann die Seminargruppe entschieden, womit sie sich genau in dem Feature auseinandersetzen möchte. Ziel war es, die Aufnahme von Geflüchteten in Chemnitz zu thematisieren und dabei möglichst verschiedene Perspektiven zu integrieren. Wie werden geflüchtete Menschen aufgenommen? Welche Reaktionen gibt es? Wie ist die Sicht der Asylsuchenden? Mehr zu dem ganzen Prozess kann man auf der Projekt-Homepage finden.

Wie kam es zu der Idee, ein Radiofeature zum Thema ‚Asyl in Chemnitz‘ zu produzieren?

Ich beschäftige mich schon seit längerer Zeit mit dem Thema Asyl. Im Wintersemester 2013/14 habe ich zum ersten Mal ein Seminar zu Asylsuchenden in Europa angeboten. In den folgenden Semestern ging es dann eher um die Analyse von Migrationsdiskursen. Viele Studierende haben sich dabei mit Asyl- und Grenzschutzdiskursen beschäftigt. Einige Studierende haben dann gesagt, sie würden so gerne mehr für Asylsuchende tun, mal ein konkretes Projekt vor Ort machen. Das hatte ich immer im Hinterkopf. Ich habe mich dann eine Zeit lang aus Interesse mit Radiofeatures beschäftigt und da kam mir die Idee, mit Studierenden ein Feature zu Asyl in Chemnitz zu produzieren.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Radio T?

Ich hatte bereits Ende 2014 durch ein anderes Projekt Kontakt zu Radio T und Heiko Loth. Ich habe ihm dann von der Idee erzählt und ihn gefragt, ob er uns in technischen Belangen bei dem Projekt unterstützen kann, da ich davon wenig Ahnung hatte, und er hat glücklicherweise zugesagt.

Was steht als großes Ziel hinter dem Radio-Feature?

Naja, ich kann erstmal sagen, was als Ziel hinter dem Seminar stand. Ich als Kulturwissenschaftlerin beschäftige mich viel mit der kritischen Auseinandersetzung mit Diskursen. Gerade beim Thema Asyl werden vermehrt Metaphern von Krieg und Naturgewalten verwendet, die häufig noch Angst schüren und Gefahr konstruieren. Dieses Hinterfragen von Diskursen versuche ich auch in meinen Seminaren zu vermitteln. Ich fand es für die Studierenden aber auch für mich interessant, mal die Perspektive zu wechseln und auf die Seite der Diskursproduzent_innen zu gehen. Mal zu überlegen, wie man es anders machen könnte. Ich glaube, wir haben alle festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist. Wen lassen wir zu Wort kommen, wen nicht. Wir wollten verschiedene Perspektiven darstellen, gleichzeitig aber kein Sprachrohr für rassistische Äußerungen sein. Gerade bei diesem Thema ist der sensible Umgang mit Sprache sehr wichtig. Dann war natürlich auch ein Ziel, dass Studierende mit Asylsuchenden in Kontakt kommen. Es wird ja meist eher über Asylsuchende gesprochen und nicht mit ihnen. Und drittens fand ich die Idee schön, ein Projekt zu machen, in dem Studierende eine andere Ausdrucksform als die wissenschaftliche Hausarbeit ausprobieren können. Wenn das Feature dann noch gehört wird und dazu beiträgt, Vorurteile abzubauen, ist es natürlich umso besser.

Jana Beinhorn, M.A.
Jana Beinhorn, M.A.

Inwieweit denken Sie, hat das Seminar an sich bei den Studierenden für mehr Sensibilität im Umgang mit Asylsuchenden geführt?

In der Regel gehen die Studierenden, die bei mir im Seminar sind, schon relativ reflektiert mit dem Thema um und haben auch teilweise schon Kontakte zu Asylsuchenden gehabt, z.B. in Form von ehrenamtlichen Tätigkeiten. Aber einige sind sicherlich auch durch das Projekt erst in Kontakt mit Asylsuchenden gekommen und haben dadurch einen besseren Einblick in deren Situation bekommen.

Würden Sie so ein Seminar nochmal anbieten?

Ja, ich würde immer wieder so ein Projekt anbieten. Ich denke, es ist ein guter Lernprozess für alle Beteiligten. Es bedeutet allerdings sehr viel Arbeit. Dessen muss man sich bewusst sein. Es ist nicht mit der Modulleistung erledigt und braucht sehr viel Durchhaltevermögen auch in schwierigen Phasen. Ich würde es das nächste Mal über ein Jahr anbieten. Solche Projekte sind schwer in einem Semester zu realisieren. Das ist jedoch zurzeit in den Europa-Studien schwierig, da nicht vorgesehen.

Wann und wo können wir das Radio-Feature anhören?

Am Samstag, den 23. Juli um 15 Uhr und am Donnerstag, den 28. Juli um 20 Uhr bei Radio T Chemnitz, UKW 102.70 MHz oder unter www.radiot.de. Auch wird es zum Nachhören auf der Projekt-Homepage zur Verfügung gestellt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Bilder:

  • © Jana Beinhorn
  • Ellen am 9.8.16 um 23:35 Uhr:

    Bitte sehr: https://www.tu-chemnitz.de/phil/europastudien/swandel/projekte/radiofeature/

  • Buschi Beinhorn am 9.8.16 um 21:48 Uhr:

    Interessantes Interview zu Hintergründen.
    Sehr informativ auch der Projektverlauf auf der endlos langen Web-Adresse.
    Nach diesen Grundinformationen würde ich gern nochmals das Feature hören.
    Wie kommt man an die Projekt-Homepage??? fragt ein fortgeschrittener EDV-Legastheniker mit besten Grüßen

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