ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

AGUIA e.V.: Wir haben Mut zur Toleranz!

„Vielen Dank für den Unterricht heute, Frau Sophia!“

Diese Worte am Ende meines ersten Tages beim Deutschkurs haben gereicht und meine Leidenschaft, Empathie und Willenskraft geweckt, um für meine afghanischen, albanischen, eritreischen und syrischen Jugendlichen zu kämpfen. Dies war der erste Tag meines Praktikums bei der AG In- und Ausländer e.V. (AGIUA e.V.) in Chemnitz, im Projekt Sozialpädagogische Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Anfangs habe ich nur nach einer Möglichkeit gesucht, das letzte Semester neben der Bachelorarbeit sinnvoll zu nutzen. Begonnen hat es als Praktikum, doch es wurde viel mehr. Als mir die Projektleiterin erklärte, dass es im Projekt vor allem darum gehe unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen vormittags Deutsch beizubringen, bis sie in die Regelschulen integriert werden, war ich erstmal skeptisch: Würde ich es schaffen, eine Gruppe pubertierender Jugendlicher unter Kontrolle zu bekommen?

Schon allein der erste Tag im Verein versprach vieles: Ich durfte meinen Unterricht selbst planen und vor einer Gruppe von 5 Jugendlichen halten – Aufregung war dabei vorprogrammiert. Allerdings haben sich die Jungs sehr bemüht, mir das Leben so leicht wie möglich zu machen. Schnell haben sie es geschafft, mich mit ihren persönlichen Geschichten in ihren Bann zu ziehen. Bald war ich nicht nur Lehrerin, sondern irgendwie auch Mutter, die Ratschläge verteilte, wie man am besten seinen Haushalt organisiert, und auch beste Freundin, die einem erklärt, wie Mädchen so ticken: eine sehr wichtige Frage für junge Menschen in einem fremden Land! Irgendwie musste ich manchmal auch Vater sein, der die Jungs in die Schranken verwies, wenn sie (mal wieder) Mist gebaut hatten. Wie man sich denken kann, ging es dabei nicht immer nur darum, die deutsche Sprache zu lernen.

6 Monate dauerte mein Praktikum in dem Projekt, aber erstaunlicherweise dauerte es nur wenige Minuten, bis ich jeden einzelnen Jugendlichen ins Herz geschlossen hatte – so sehr, dass sich daraus noch weiterführende Freundschaften entwickelt haben. Freundschaften, in denen ich natürlich helfen möchte, in allen möglichen Lebenslagen.

Logo des Vereins AGIUA
Logo des Vereins AGIUA

Möglichkeiten, sich in weiteren Bereichen zu engagieren, bot der Verein auch über das Projekt hinaus. AGIUA e.V. ist ein freier Träger, der Projekte durchführt, die u. a. durch die Kommune gefördert sind. Alle Mitarbeiter sind eng miteinander verbunden, sodass ich während des Praktikums auch Einblicke in die Arbeit des Projekts Interkulturelles Begegnungs- und Betreuungszentrum (IBBZ) sammeln konnte. Dabei handelt es sich um ein Beratungszentrum, an das sich alle Ausländer der Stadt Chemnitz wenden können. Die Klientel in der Beratungsstelle ist so vielfältig wie die Themen, sodass ich teilweise mit meinen Griechisch-Kenntnissen helfend zur Seite stehen konnte. Auch diese Arbeit war und ist sehr spannend, teilweise auch sehr emotional, wenn ich persönliche Geschichten der Menschen hautnah hörte und in den meisten Fällen beruhigend und helfend zur Seite stehen konnte. Allerdings können auch Gefühle der Machtlosigkeit und Frust auftreten, wenn man aufgrund der politischen und rechtlichen Gegebenheiten einfach nichts tun kann. Eine Arbeit, die aber in der überwiegenden Zeit schöne und positive Momente schafft, wenn Menschen nach der Beratung freudestrahlend ein „Danke sehr" hervorbringen, egal wie gut sie Deutsch sprechen.

Umso schöner war es für mich, als mir kurz vor Ende des Praktikums eine Stelle im IBBZ sowie die Leitung des Projekts Sprachmittlerpool angeboten wurde. Ein enormer zeitlicher Aufwand, dies nun neben meinem Master-Studium zu leisten. Allerdings weiß ich jeden Morgen ganz genau, warum ich zur Arbeit gehe. Manche Berufe kann man nur mit der nötigen Einstellung leisten und eine Tätigkeit in der Migrationssozialarbeit gehört definitiv dazu. Die Bereitschaft, sich für Menschen in Not einzusetzen, ist eine Grundvoraussetzung, um diese Arbeit gut machen zu können, mehr noch als das nötige Fachwissen.

Ich bin dankbar, dass ich die Chance bekommen habe, mich in diesem Verein zu beweisen und fühle mich hier besonders wohl. Seine persönlichen Interessen, Einstellungen in der Arbeit wiederzufinden ist ein großes Geschenk, das nicht jeder bekommt.

Der Verein ist allerdings immer auf der Suche nach Menschen, die sich ehrenamtlich oder in Form eines Praktikums engagieren möchten: Wie meine Geschichte zeigt, kann dies auch den Einstieg ins Berufsleben darstellen.

Weitere Infos bekommt ihr hier: www.agiua.de.

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