ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Wunschbild Europa
Illustration: Vanessa Beyer

Wunschbild Europa?!

Liebe KommilitonInnen, liebe Alumnae und Alumni, liebe ProfessorInnen und DozentInnen,

die aktuelle Ausgabe unseres Online-Magazins Europastudien Spiegel behandelt die Thematik „Wunschbild Europa?!“. Hierzu haben wir ein besonderes Anliegen und möchten mit vielfältigen Beiträgen zum Nachdenken über vorherrschende und zukünftige Wunschvorstellungen von Europa anregen.

Wird von einem Wunschbild gesprochen, entspricht dieses oft den eigenen Vorstellungen, aber nicht der Wirklichkeit. Wir malen uns ein Bild von etwas Wünschenswertem aus und hoffen, dass es eintritt. Das Klischee des bequemen trinkfesten Studierenden, welcher erst Mitte der Woche zur ersten Vorlesung geht, ist vielen geläufig. Ebenso existiert die Vorstellung des engagierten und vorbildlichen Akademikers, welcher das Lernen nicht erst zwei Wochen vor der Klausur beginnt. So konstruiert auch jede einzelne Person ihre eigene Vorstellung von einem tatsächlichen und zukünftigen Europa.

Wie diese Vorstellungen zu bewerten sind, liegt wie allzu oft im Auge des Betrachtenden. Denn ein Wunschbild stellt synonym nicht nur eine Utopie, Fantasie oder gar ein Ideal dar, es kann ebenso ein Trugbild oder eine Wahnvorstellung sein. Schauen wir auf die derzeitigen Sondierungsgespräche der Parteien CDU/CSU und SPD lässt sich feststellen, dass hier die Europavorstellungen der beiden Parteien weit auseinanderliegen. Die SPD fordert eine deutsche Antwort auf die Reformvorschläge von Emmanuel Macron und eine stärkere Konzentration auf die Europapolitik. Sollten wir uns selbst hinterfragen, inwiefern wir in unseren eigenen Wunschvorstellungen von Europa verfangen sind? Haben wir uns in unseren eigenen Überzeugungen verstrickt und müssen nun nüchtern betrachtet feststellen, dass dies die Ursache aufkommender krisenähnlicher Situationen darstellt? So konstruieren doch populistische und europaskeptische Parteien ein Wunschbild von einem Europa souveräner Nationalstaaten und halten zum Selbstzweck an ihrem Weltbild einer zerrütteten Europäischen Union fest. Kann dieses gezeichnete Bild, dem des zukünftigen Europas entsprechen? Ebenso die erstarkenden separatistischen Bewegungen, mit dem prominentesten Beispiel in Katalonien und den jüngsten Entwicklungen in Norditalien, agieren im Rahmen dieses Wunschbildes von Europa.

In Ungarn und Polen wird der einst gültige normative Grundkonsens der Europäischen Union durch die Infragestellung der Gewaltenteilung, dem grundlegenden Element der Rechtsstaatlichkeit, aufgekündigt. Die Vorstellung von einem liberalen und solidarischen Europa rückt immer weiter in den Hintergrund und die Tatsache, dass sich die EU in einer Legitimationskrise befindet, tritt zunehmend in den Vordergrund.

Die Europäische Union und ihre Institutionen stehen in der Tat vor einer Zerreißprobe. Doch gleichzeitig steht die Union vor einem Scheidepunkt, welcher ungeahnte Möglichkeiten birgt. Genau hier setzen die Wunschbilder von Politiker_innen, Bürger_innen, Intellektuellen und Expert_innnen an. Als Idealvorstellungen eines zukünftigen Ist-Zustandes können Wunschbilder auch zur Findung innovativer sowie kreativer Lösungsansätze aktueller Problematiken beitragen. Somit tragen diese als eine Art Idealbilder zur Weiterentwicklung und Gestaltung des Europäischen Projektes bei. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise das aktuelle Weißbuch der Europäischen Union zu nennen, welches fünf Szenarien einer möglichen Entwicklung des europäischen Binnenmarktes aufzeigt und somit eine Vielzahl an Wunschbildern konstruiert. Ob und inwiefern diese tatsächlich eintreten werden, kann nicht vorhergesagt werden. Dennoch stellen sie in turbulenten und undurchsichtigen Zeiten einen Orientierungspunkt dar.

Warum gestalten wir nicht gemeinsam ein neues europäisches Narrativ? Hierzu soll die aktuelle Ausgabe euch durch die vier bekannten Rubriken leiten und das Thema „Wunschbild“ aus verschiedensten Perspektiven beleuchten. Zum Einstieg in die Thematik empfehlen wir das Interview mit Sebastian Liebold. Er spricht über historische wie auch gegenwärtige europäische Wunschbilder und geht auf die Rolle Intellektueller in sogenannten „Krisenzeiten“ ein. In der Rubrik „Kritisch gedacht“ laden wir zum Philosophieren über das Projekt „Europa für alle – Chemnitzer Bürger diskutieren über die Zukunft der EU“ mit Björn Elsen, und zeigen wie Europa sowie die Europäische Union auch außerhalb des Studiums Einfluss auf unser alltägliches Leben nehmen. In der Rubrik „Europa studieren“ erzählen Studierende von ihren Wunschvorstellungen. Ebenso findet sich hier die Fotoreihe „Europa in Chemnitz“. In der Rubrik Korrespondenz kommen ebenfalls Studierende zu Wort, welche von ihren Auslandserfahrungen aus aller Welt berichten.

Wir danken allen Autor_innen und Unterstützer_innen für ihre Mithilfe an dieser Ausgabe und wünschen viel Spaß beim Schmökern und Lesen!

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Eure Redaktion des ES-Spiegel

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