ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: Ana Troncoso, alle Rechte vorbehalten

„Wunschbild Europa!?“ Im Gespräch mit Ana Troncoso und Silke Hünecke

Seit dem Wintersemester 2017 sind Ana Troncoso und Silke Hünecke die neuen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen an der Professur Kultureller und Sozialer Wandel von Prof. Teresa Pinheiro mit dem Schwerpunkt Iberische Halbinsel. Mit ihnen sprachen wir über ihre neue Arbeit und ihre Perspektiven auf Europa am Institut. Hünecke ist Politologin, sie promovierte zur erinnerungspolitischen Bewegung im spanischen Staat. In der Dissertation kommen ihre verschiedenen inhaltlichen Forschungsschwerpunkte zum Tragen wie Erinnerungspolitik, jüngste Geschichte Spaniens und Soziale Bewegungsforschung. Troncoso ist Kulturanthropologin und sie dissertiert mit einem filmischen Projekt zu Bürgerwerdungsprozessen von deutschen Jüd_innen in Chile. Neben Film und Rassismus- und Migrationsforschung gehören Genderstudies und die Verflechtungen zwischen der westeuropäischen und lateinamerikanischen Geschichte zu ihren Kerngebieten.

Was verknüpfen Sie mit „Wunschbild Europa“ bzw. welches wäre ihr Wunschbild von Europa?

Troncoso: In meinem „Wunschbild Europa“ müssten die schattigen Seiten dieses Gemäldes mehr Licht bekommen: Die Spannungen in den Machtverhältnissen innerhalb Europas sowie in den Verhältnissen zwischen Europa und den anderen Regionen der Welt. Beim Thema Migration wird deutlich, was auf diesem Bild belichtet und was noch unterbelichtet ist. Durch die Präsenz, aber auch die Aktionen von Geflüchteten werden wichtige Fragen aufgeworfen: Wem wird das Recht auf Zugehörigkeit und Schutz gewährt? Welche neuen Rechtfertigungsnarrative werden medial und politisch installiert, um ein „humanes Bild von Europa“ aufrechtzuerhalten? Und zugleich was sagen die aktuellen Migrationsbewegungen über die postkolonialen Verhältnisse aus? Wie sind die aktuellen Kulturalismen mit alten und neuen rassistischen Formationen verflochten? Oder wie wird in der jetzigen neoliberalen Globalisierung Differenz erneut essentialisiert, um unter der verschiedenen Regionen und Sozialgruppen den Zugang zu Ressourcen zu regulieren? Antworten auf diese Fragen könnten das Bild Europas vervollständigen, authentischer machen.

Welche Erwartungen haben Sie an das Institut?

Hünecke: Ich hoffe, dass die Area Studies durch das Institut weiter gestärkt werden können und insbesondere, dass der Schwerpunkt Iberische Studien weiter ausgebaut werden kann. Bisher befindet sich diese junge Forschungsrichtung in Deutschland noch in den Anfängen. Prof. Teresa Pinheiro arbeitet derzeit zusammen mit Prof. Carsten Sinner (Uni Leipzig) an einer Kooperation für einen Masterstudiengang Iberische Studien. Es wäre doch toll, wenn das Institut einen wichtigen Beitrag zur Etablierung der Iberischen Studien in Deutschland leisten könnte. Spannend wäre es auch die verschiedenen Area Studies am Institut in Zukunft weiter zu verknüpfen und gemeinsame Projekte zu entwickeln, die die Verflechtungen von Ost- und Südeuropa stärker in den Blick nehmen: Zum Beispiel Stichwort Flucht und Migration, wie meine Kollegin Ana Troncoso gerade ausgeführt. Dass sind zentrale Themen unserer Gegenwart und es wäre interessant die Interdependenzen zwischen den Regionen stärker zu untersuchen.

Welche Ideen und Projekte möchten Sie gerne umsetzen?

Hünecke: Derzeit planen wir beide gemeinsam eine Exkursion für Studierende nach Katalonien, die hoffentlich im Herbst 2018 stattfinden wird. Das Thema der Exkursion soll sein „Krisen und Proteste“, dabei wollen wir uns vor allem die Perspektive ‚von unten‘ auf aktuelle Krisen und gesellschaftlichen Herausforderungen anschauen. Wenn es um Europa geht verbinden viele Menschen damit die EU-Institutionen und Parteienpolitik, aber Europa ist viel mehr! Es geht um die Menschen, die in diesen Ländern leben und um die Frage, wie diese leben (wollen) und wie sie die Gesellschaften gestalten (wollen). Während der Exkursion wollen wir uns mit den aktuellen gesellschaftspolitischen Problemen und den zivilgesellschaftlichen Reaktionen, neuen sozialen Bewegungen und Protestformen auseinandersetzen. Die spanische Gesellschaft ist in den letzten Jahren von verschiedenen größeren und kleineren Krisen betroffen gewesen, die von Protesten begleitet wurden. Zunächst die Wirtschaftskrise seit 2008 und die damit einhergehenden Probleme wie hohe (Jugend-) Arbeitslosigkeit, plötzliche Verarmung und Zwangsräumungen. Es entstanden neue Protestbewegungen wie 15-M und schließlich kam es zur Gründung neuer Parteien wie Podemos. Erstmals wurde dadurch das jahrzehntelange Zweiparteiensystem aus PP und PSOE in Frage gestellt. Dadurch kam es zu einer machtpolitischen Krise, welches sich in der schwierigen Regierungsbildung der letzten Jahre zeigt. Dazu kommen noch andere Konfliktlagen wie die ungenügende Auseinandersetzung mit der diktatorischen Vergangenheit und dem Übergangsprozess von 1977. Seit 2000 kämpft in diesem Kontext eine erinnerungspolitische Bewegung um Würde, Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit. Und auch aktuell im Konflikt um die Autonomie Kataloniens spielt das zivilgesellschaftliche Aufbegehren eine zentrale Rolle.

Troncoso: Zudem planen wir eine Filmreihe mit anschließender Diskussion möglichst mit den Regisseur_innen, als Begleitung zu einem Seminar zu postkolonialen Verhältnissen auf den iberischen Halbinseln und in Kooperation mit einem lokalen Programmkino. Ausgehend von einer Auswahl an Filmen würden wir uns im Seminar sowohl mit Theorien zu Postkolonialismus, Rassismus und Intersektionalität in Bezug auf Spanien und Portugal sowie mit der Analyse von audiovisuellen Mitteln mit denen die Filme die Spannungen repräsentieren, auseinandersetzen. Indem die Filme dann im Kino und mit einem gemischten Publikum diskutiert werden, wird die Auseinandersetzung mit der Thematik durch das Schnuppern in die Welt des Kulturmanagement vertieft und auch die Antwort auf die Frage, wie Filme bzw. Filmemacher_innen sich in diesen Debatten einbringen konkreter.

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