ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: Vanessa Beyer, alle Rechte vorbehalten

Von Galliern und Römern – Notizen aus der Madrider Feldforschung

Mitte August 2017 bin ich in die spanische Hauptstadt gezogen – vier Tage vor den Anschlägen in Barcelona und Cambrils und ein Monat vor dem Referendum in Katalonien. Die Entscheidung, meinen Forschungsaufenthalt nach Madrid zu legen, ergab sich aus dem Forschungsprojekt selbst, ich war aber zugleich erfreut über die Perspektive, eine längere Zeit in einer Stadt zu leben, in der ich sehr gerne bin, obwohl ich mich meist in Katalonien aufhalte. Natürlich wusste ich auch, dass mein Aufenthalt in der spanischen Hauptstadt mit der schwierigen Zeit des Referendums koinzidieren würde. Ich war auf alles gefasst – und war dennoch überrascht.

Äquidistanz gilt nicht

Am meisten hat mich – hat uns alle – die Radikalisierung der Debatten überrascht. Je näher das Referendum rückte, desto irrationaler wurden die Argumente, die auf beiden Seiten angebracht wurden. Die Analyse wich der Unterstellung, die Fakten wurden so weit gespannt und gedreht, bis sie in die eigenwilligen Argumentationen passten. Diese Radikalisierung umfasste alle Teile der Gesellschaft: die Politik und die Medien an erster Stelle, aber auch die Diskussionen in der U-Bahn, unter Freunden und Kollegen und in der eigenen Familie. Niemand konnte sich dem Sog dieser Polarisierung entziehen, denn das Thema war allgegenwärtig, inklusive in den Schulen. Jeder war Teil davon und musste Stellung beziehen – eine äquidistante Position einzunehmen, die problematisiert und differenziert, war kaum möglich.

Woran lag diese Polarisierung? Natürlich an der Natur des politischen Problems, aber auch am Format Referendum. Es liegt geradezu in der Natur von Referenden, dass sie polarisieren. Denn am Ende steht eine Frage auf dem Wahlzettel, die es mit Ja oder Nein zu beantworten gilt. Hinzu kam die Tatsache, dass das Referendum nur den katalanischen Wählern und Wählerinnen galt, was Hilflosigkeit und Verzweiflung der Unabhängigkeitsgegner noch verstärkte. Die Polarisierung, die direkt vor und nach dem Referendum in Spanien herrschte, erinnert viel an die Debatten um die Unabhängigkeit Schottlands und um den Austritt Großbritanniens aus der EU: Es stand viel auf dem Spiel und alles entschied sich an einem Wahltag. Und dabei tut es nichts zur Sache, dass das katalanische Referendum rechtsunwirksam war.

Wir sind gegen Nationalismus – ¡Viva España!

Während das Referendum in Katalonien zu einer tiefen Spaltung führte, war die Stimmung in Madrid zwar genauso aufgeheizt, von Spaltung kann aber kaum die Rede sein. In der Hauptstadt des Königreiches sind die Gegner des katalanischen Separatismus in der Mehrheit – so viel lässt sich auch ohne demoskopische Untersuchungen behaupten. Selten bin ich bisher Menschen begegnet, die Verständnis für die Forderungen in Katalonien auch nur nach mehr Autonomie oder nach der Reform des Finanzausgleiches im Autonomiestaat zeigen. Im Gegenzug füllten sich in Madrid die Balkone mit spanischen Flaggen, es gab Demonstrationen gegen das Referendum, in denen das Lied Y viva España – der Inbegriff spanischen folkloristischen Patriotismus – nicht fehlen durfte. Auch die Feierlichkeiten am Nationalfeiertag des 12. Oktober – Tag der Ankunft Kolumbus auf Hispaniola – waren 2017 paradigmatisch für dieses Ausspielen des spanischen Nationalismus in Reaktion auf das katalanische Bestreben nach Unabhängigkeit. Dem katalanischen Nationalismus wurde in Madrid – und vielerorts – also mit einer Welle spanischen Nationalismus entgegnet.

Bei so viele Demonstrationen spanischen Patriotismus in Madrid ist man geneigt, in der Hauptstadt das Epizentrum eines von vierzig Jahren Franquismus geprägten chauvinistischen und folkloristischen Zentralismus anzusehen. Dies wäre aber verkürzt. Die Realität ist, auch hier, komplexer als die schnellen Vorurteile. Auch in Madrid gab es Solidaritätsbekundungen gegenüber Katalonien, in denen Lluís LLachs berühmtes Protestlied L’Estaca auf Katalanisch gesungen wurde. Freilich sind diese Kundgebungen kleiner und sie finden meinst in den südlicheren Bezirken der Stadt statt, dort wo es interkultureller zugeht und linksorientierte Bürgerinitiativen zu Hause sind. Aber sie existieren. Außerdem wird die Stadt von der Koalition Ahora Madrid – einem Zusammenschluss mehrerer linker Parteien – regiert; die Oberbürgermeisterin, Manuela Carmena, vertritt gemeinsam mit der Oberbürgermeisterin Barcelonas, Ada Colau, eine gemäßigte Position im Konflikt.

Wie sind wir so weit gekommen?

Solche gemäßigten Positionen fanden nach den angespannten Debatten im Vorfeld des Referendums schnell wieder Gehör. Die Fernsehbilder aus dem Tag des Referendums mit den gewaltsamen Polizeieinsätzen versetzten das Land in Schockstarre. Und alle begannen zu fragen: Wie konnte es soweit kommen? Warum war es nicht möglich, die Eskalation vorher zu stoppen? Nach dem Sturm des Referendums kehrte die Besonnenheit zurück. Und diese wird in den nächsten Monaten entscheidend sein. Denn die katalanische Krise – die nach der Wahl des 21. Dezember 2017 bei weitem nicht vorbei ist – berührt viele unabgeschlossene Baustellen im politischen Prozess der demokratischen Transition der letzten vierzig Jahre: die Dezentralisierung im Rahmen des Autonomiestaates mit der Frage nach dem Finanzausgleich und dem Grad der Asymmetrie unter den Autonomen Gemeinschaften; die Aufarbeitung des Franquismus, die noch heute kontrovers diskutiert wird; die Verfassungsreform, die so lange schon überfällig ist – um nur einige Punkte zu nennen. Wenn die Politiker und Politikerinnen aller Parteien dies erkennen und sich offen für Reformen zeigen, dann wird diese Krise für etwas Gutes gewesen sein.

nach obennach oben

nach obennach oben