ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: Vanessa Beyer, alle Rechte vorbehalten

Junge Franzosen und die EU: La Union en Marche?

Vor genau einem Jahr war Frankreich mitten im Präsidentschaftswahlkampf und so gespalten wie nur selten zuvor, denn eine Präsidentschaft der Rechtspopulistin Marine Le Pen schien nicht ausgeschlossen. Und ist sie erst einmal Präsidentin des zweitgrößten EU-Mitgliedsstaates, dann, so waren sich die politischen Analysten in ganz Europa einig, wäre die EU am Ende. Ganz klar betonte Le Pen in ihrem Wahlkampf immer wieder: „Die EU ist ein Misserfolg. Frankreich muss seine Unabhängigkeit wiederfinden.“ Nach dem Brexit schien es zumindest denkbar, dass die Europäische Union auch Frankreich und damit eine der treibenden Kräfte der europäischen Integration verliert.

Nun ist natürlich bekannt, dass es anders gekommen ist, dass mit Emmanuel Macron ein Pro-Europäer die Wahl klar für sich entschied und wenigstens kurzzeitig eine Welle der Europaeuphorie angestoßen hat. Dennoch: Die Monate, in denen die französische EU-Mitgliedschaft immer wieder in Frage gestellt wurde, können an den Franzosen doch nicht einfach so vorübergegangen und inzwischen völlig vergessen sein. Als ich also im September 2017 nach Frankreich fuhr, um ein Semester an der Universität Paris Est Marne-La-Vallée zu studieren, fragte ich mich unweigerlich, wie wohl die Stimmung in dem Land ist, in dem ich nun einige Monate leben sollte und wie viel von der Spaltung im Präsidentschaftswahlkampf nachhallt.

Es sollte sich zeigen, dass mein Studium ideal ist, um genau diesen Gedanken auf den Grund zu gehen, denn im Kurs „Politische Fragen“ sollten junge Franzosen zu aktuellen politischen Themen befragt werden. Während sich meine französischen Kommiliton_innen vor allem auf innenpolitische Fragen gestützt haben, fand ich es als Außenstehende besonders interessant, dem Europabild der 18 bis 30-jährigen Franzosen nachzugehen und so erstellte ich gleich eine kleine Online-Umfrage.

Was ist nun das Ergebnis, wie positionieren sich junge Menschen in Frankreich? Wollen sie eher wie Le Pen oder Mélenchon der EU den Rücken zukehren, wollen sie lieber wie die unter die Räder gekommenen Konservativen und Sozialdemokraten Europa so lassen, wie es ist oder wollen sie wie Macron Europa reformieren?

"Wie positionieren sich junge Menschen in Frankreich?"

Bleiben wollen sie. Auf keinen Fall einen Frexit. Man profitiert schließlich mehrheitlich von der EU. Zwar nur, weil man „zu den reichen Ländern gehört“, aber man profitiert. Und einen EU-Austritt, wie ihn Marine Le Pen für die Präsidentschaftswahlen 2017 formuliert hatte, lehnt die Mehrheit kategorisch ab. Dennoch bleibt die EU-kritische Haltung bestehen.

Positiv im Sinne der Union schneiden für die jungen Franzosen vor allem die vier Freiheiten der EU ab: keine Grenzkontrollen dank freiem Personenverkehr, keine Zölle dank freiem Warenverkehr, keine Einschränkung bei der Wahl von Handy- oder Stromtarifen dank freiem Dienstleistungsverkehr und keine Gebühren bei Auslandsüberweisungen dank freiem Kapitalverkehr. Auch die vielen Bildungs- und Austauschangebote wie Erasmus+ werden geschätzt. Dennoch muss für eine perfekte Union nach Ansicht der Befragten noch einiges getan werden. So mangle es vor allem an Gleichheit zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten, was Kohärenz und eine bessere Einheit verhindert. Das größte Hindernis daran liege in den Gesetzen und Regeln, die oftmals schwer mit dem jeweiligen nationalen Recht zu verbinden und deshalb problematisch seien. Auch die gemeinsame Wirtschaft wird eher kritisch betrachtet, da meist nur die profitierten, die sowieso schon stark seien. Die Kluft zwischen stärkeren und schwächeren Ländern werde somit zusätzlich verstärkt, Zusammenhalt verhindert. Nach Ansicht der Befragten müssten hier vor allem die europäischen Institutionen stärker in die Pflicht genommen werden.

Dies zeigt sich auch bei der Frage „Was macht dir an der EU am meisten Angst?“. Während einige die Unterdrückung der Souveränität der Mitgliedsstaaten oder die gemeinsame Wirtschaftspolitik kritisieren, sorgen sich die meisten um das Erstarken des Nationalismus (auch im eigenen Land) und befürchten, nicht nur durch den Brexit, einen Zusammenbruch oder gar das Ende der Europäischen Union, gegen das vor allem die politischen Institutionen agieren müssten.

Diese unionskritische Haltung bleibt auch mit Blick auf die Zukunft der Europäischen Union bestehen. Nur 11,8% glauben, dass sich die Europäische Union derzeit in eine gute Richtung entwickelt, wohingegen 35,3% die derzeitige Entwicklung als problematisch ansehen.

"Diese unionskritische Haltung bleibt auch mit Blick auf die Zukunft der Europäischen Union bestehen. Nur 11,8% glauben, dass sich die Europäische Union derzeit in eine gute Richtung entwickelt, wohingegen 35,3% die derzeitige Entwicklung als problematisch ansehen."

Kritisch zeigten sich die Befragten auch bei einer möglichen Erweiterung der Europäischen Union. Nur ein geringer Prozentsatz gab an, Hoffnung oder Freude zu verspüren, falls die Union sich weiter vergrößern würde, hauptsächlich empfände man jedoch Gleichgültigkeit oder Frustration, was, wie ein Teilnehmer erklärte, daran läge, „das[s] die EU schon jetzt viel zu groß ist, um allen Mitgliedsstaaten gerecht zu werden.“ Neue, größtenteils ökonomisch schwächere Länder würden darunter genauso leiden wie es jetzt bereits einige Länder täten. Des Weiteren sei die Union derzeit „zu bürokratisch“ und könne deshalb gar nicht effizient agieren. Dies sei gerade bei den jüngsten europäischen Herausforderungen wie Brexit und gemeinsame Terrorismusbekämpfung deutlich geworden. Doch auch im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen wie die Bekämpfung des Klimawandels und die Stabilisierung der gemeinsamen Wirtschaft sehen die Befragten für die Union deutlichen Verbesserungsbedarf.

Trotz der allgemein eher kritischen Haltung gegenüber den aktuellen Entwicklungen möchten dennoch knapp drei Viertel der 18-30-Jährigen, dass Frankreich in der EU bleibt. Oder, wie ein Teilnehmer schrieb: „Ohne die EU wär’s auch nicht besser.“

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