ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Auftaktveranstaltung CEASEVAL, 1. Reihe, 3. Person v.links: Birgit Glorius
Auftaktveranstaltung CEASEVAL, 1. Reihe, 3. Person v.links: Birgit Glorius; //Foto: Xenia Aberle, alle Rechte vorbehalten

Forschung zu Geflüchteten an der Junior-Professur Humangeographie Ostmitteleuropas

Forschung zu Flucht und Asyl konnte bislang nicht nur in Deutschland dadurch charakterisiert werden, dass sie weitgehend abgekoppelt von der allgemeinen Migrationsforschung verlief. Diese Tatsache lässt sich dadurch erklären, dass Migration vielfach als freiwillige und selbstgesteuerte Bewegung aufgefasst wird, während Fluchtbewegungen einen ausgewiesenen Zwangscharakter haben. Eine genauere Betrachtung von Mobilitätsprozessen und damit einhergehenden Motivlagen zeigt allerdings, dass diese Trennlinie nicht kategorisch gezogen werden kann, da einerseits auch Migrationen mit dem Ziel der Arbeit, Bildung oder Familienzusammenführung nicht-freiwillige Aspekte aufweisen können, und andererseits auch unter Asylsuchenden sehr unterschiedliche Motive und Zukunftsperspektiven auszumachen sind.

In Deutschland hat sich vor allem durch die anwachsenden Flüchtlingszahlen eine multidisziplinäre Hinwendung zum Thema Flucht und Asyl ergeben, die zunächst explorativen Charakter hatte (wie z.B. auch die Forschungsgruppe FIS (Flüchtlinge in Sachsen), die von 2014 bis 2017 an der TU Chemnitz bestand) und in der Vertreter verschiedenster Fachdisziplinen jeweils aus ihrer Perspektive spezifische Probleme und Phänomene untersuchten, die im Zusammenhang mit der vielzähligen Ankunft von Geflüchteten in Deutschland auszumachen waren.

Erste Vernetzungsbemühungen im Rahmen der aktuellen Fluchtforschung mündeten z.B. im April 2016 in einer interdisziplinären Konferenz zum Thema „FluchtMigration und gesellschaftliche Transformationsprozesse. Transdisziplinäre Perspektiven“ an der Universität Eichstätt, die unter anderem aufzeigte, wie wichtig und wertvoll das Überschreiten der Grenzen der eigenen Fachdisziplin ist, um relevante Fragestellungen im Kontext der FluchtMigration zu identifizieren, mit geeigneten Methoden zu bearbeiten und in abstrahierter Form wiederum in verschiedene fachdisziplinäre und gesellschaftliche Debatten einzuspeisen. Der gleichnamige, von Simon Goebel und Kolleg*innen herausgegebene Tagungsband ist kürzlich im Springer Verlag erschienen. Es folgten Institutionalisierungsbemühungen, die – unterstützt durch Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft – zur Etablierung des bundesweiten multidisziplinären Netzwerk Flüchtlingsforschung (http://fluechtlingsforschung.net/) führten, das Wissenschaftler*innen vernetzt, welche zu den Themen Zwangsmigration, Flucht und Asyl mit Bezug zu Deutschland forschen. Im Oktober 2016 fand die erste Konferenz des Netzwerks an der Universität Osnabrück statt, die zweite ist für Oktober dieses Jahres an der Universität Eichstätt geplant.

Auf Initiative der JP Humangeographie bildete sich im Jahr 2014 unter dem Dach des Europäischen Forschungsnetzwerks IMISCOE (International Migration, Integration and Social Cohesion in Europe) die Forschungsinitiative RELOCAL (Refugees in European Localities: Reception, Perceptions and Policies), deren Ziel es ist, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Flüchtlingsaufnahme und ihrer Integration in den verschiedenen Staaten und Regionen Europas zu untersuchen. In regelmäßigen Netzwerktreffen werden Forschungsergebnisse zur Flüchtlingsaufnahme auf kommunaler Ebene zusammengetragen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede des europäischen Asylsystems von der lokalen Ebene aus analysiert. Dabei wird der Aufnahmeprozess aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, angefangen bei den administrativen Aktivitäten und Strategien, der Entwicklung eines öffentlichen Diskurses auf kommunaler Ebene, bis hin zur Reflexion der Aufnahmephase aus der Perspektive der Geflüchteten. Die Ergebnisse wurden bereits vielfach vorgetragen und publiziert, z.B. in einem Special Issue des Journals of Refugee Studies (Glorius, B. & J. Doomernik (eds.) 2016: Refugee Migration and Local Demarcations: New Insight into European Localities, Special Issue Journal of Refugee Studies Vol. 29/4. ISSN 0951-6328). Zudem sind aus den Reihen der Gruppe verschiedene Förderanträge zur Flüchtlingsforschung vorbereitet worden.

Der bislang größte Coup war die erfolgreiche Bewerbung um Fördermittel innerhalb des Europäischen Rahmenprogramms HORIZON 2020. Das von der Junior-Professur Humangeographie Ostmitteleuropas geleitete Projekt CEASEVAL (Evaluation of the Common European Asylum System under Pressure and Recommendations for further development), das im November 2017 seinen Auftakt hatte, wird in einem zweijährigen Forschungsprozess eine umfassende Evaluierung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems vornehmen. Im Fokus stehen die Regulierungsmuster und die konkreten Praktiken in der Aufnahme von Asylsuchenden und der Behandlung ihrer Asylgesuche. Dabei verfolgt das Projekt mehrere Ziele: Zum einen wird ein neuer theoretischer Rahmen für den Prozess der „multilevel governance” des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems entwickelt und empirisch getestet; zweitens wird eine kritische Evaluierung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems vorgenommen und dabei Diskrepanzen zwischen EU Standards der Flüchtlingsaufnahme und nationalen Gesetzgebungen und ihrer Implementierung identifiziert und analysiert. Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung von Handlungsalternativen hinsichtlich konkreter Probleme des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems, so dass abschließend eine valide Einschätzung vorgenommen werden kann, welcher Grad von Harmonisierung (hinsichtlich Gesetzgebung und Implementierung) und Solidarität möglich und notwendig ist. In dem Projekt kooperieren insgesamt 14 wissenschaftliche und politikberatende Institutionen aus 11 EU-Ländern und der Türkei; an der JP Humangeographie betreuen zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen (Jana Beinhorn und Katja Manz) die empirischen Arbeiten und die Projektabwicklung.

Ein zweiter Forschungsschwerpunkt in Bezug auf Flucht und Ankunft, der sich durch die Auseinandersetzung mit lokalen Aufnahmepraktiken in Sachsen ergab, bezieht sich auf den Zustand der Aufnahmegesellschaft als wesentliche Komponente bei der Aufnahme und Integration von Asylsuchenden. Während die sehr heterogenen Reaktionen von Anwohner*innen auf die Anwesenheit von Geflüchteten in den letzten Jahren deutlich zu registrieren waren und daraus auch unterschiedliche Integrationschancen abgeleitet werden konnten, fehlt es an gesicherten Erkenntnissen, wie sich unterschiedliche Reaktionsmuster der Aufnahmegesellschaft erklären lassen. Dies gilt insbesondere für ländliche Räume, da der Schwerpunkt sowohl der Flüchtlingsforschung als auch der Migrationsforschung auf urbanen Räumen als Ankunftsorten liegt. Von einigen Kommunen und Landkreisen in ländlichen Regionen wird die flüchtlingsbedingte Zuwanderung nicht ausschließlich als humanitäre Aufgabe, sondern auch als Entwicklungschance im Kontext von Abwanderung, Alterung und Fachkräftemangel gesehen. Zugleich wird die vielfach aggressive Ablehnung von Geflüchteten gerade in Bezug auf ostdeutsche ländliche Standorte mit den dortigen Verlust- und Peripherisierungserfahrungen während der Transformationsjahre und der Ungeübtheit im Umgang mit Zuwanderern erklärt bzw. teilweise auch gerechtfertigt. Empirisch fundierte Antworten auf die Frage, unter welchen Voraussetzungen und wie humanitäres Engagement und ländliche Entwicklung erfolgreich verbunden werden können und wie dies von Politik und Zivilgesellschaft positiv beeinflusst werden kann, fehlen jedoch bislang.

"Flucht und Migration sind globale Massenphänomene geworden."

Das im März 2018 startende dreijährige Forschungsprojekt „Zukunft für Geflüchtete in ländlichen Regionen Deutschlands“ wird diese Forschungsfrage intensiv und vergleichend in ländlichen Landkreisen in vier Bundesländern (Bayern, Hessen, Niedersachsen, Sachsen) untersuchen. Es verfolgt die Zielsetzung, Voraussetzungen erfolgreicher Integration zu identifizieren, Erfolgsfaktoren zu benennen, politischen Handlungsbedarf in Bezug auf das Thema Integration von Geflüchteten in ländlichen Räumen offenzulegen und Handlungsempfehlungen zu formulieren. Nicht zuletzt soll dabei den Ursachen für ablehnende gesellschaftliche Haltungen gegenüber Ausländer*innen im Allgemeinen und Asylsuchenden im Besonderen nachgespürt und in einem breiteren Kontext gesellschaftlich/historischer Entwicklungen betrachtet werden. Die JP Humangeographie Ostmitteleuropas betreut im Rahmen des Projektverbundes die Fallstudienregion Sachsen sowie das Teilprojekt „Rolle der Zivilgesellschaft und Einstellung der Aufnahmegesellschaft“.

Flucht und Migration sind globale Massenphänomene geworden, und die Aufnahme von Asylsuchenden und die Unterstützung ihres weiteren Lebensweges ist eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit. Wissenschaftler*innen können ihren Teil zum Gelingen dieser Aufgabe beitragen, indem sie ihre analytischen Kompetenzen zur Verfügung stellen, um zentrale Fragestellungen, die im Zusammenhang der Ankunft und Integration von Geflüchteten auftauchen, zu untersuchen. Die zunehmende Möglichkeit, dies mit Hilfe von öffentlichen Fördergeldern zu tun, ist gut und notwendig, um eine solide empirische Basis für weiterführende Analysen zu erhalten. Gleichzeitig muss die Unabhängigkeit in der Wahl von Forschungsfragen und Untersuchungsperspektiven erhalten bleiben. Nicht zuletzt sollten Wissenschaftler*innen auch ihre Stimme bei der öffentlichen Meinungsbildung erheben, um zu einer Versachlichung emotionalisierter Diskurse beizutragen.

Jun.-Prof. Dr. Birgit Glorius leitet als Inhaberin der Professur Humangeographie Ostmitteleuropas derzeit das Projekt CEASEVAL im Rahmen des Europäischen Programms HORIZON 2020. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der geographischen Migrationsforschung sowie der raumbezogenen Forschung zum demographischen Wandel.

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