ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: Paulina Mayer, alle Rechte vorbehalten

Ciao Germania! - Hallo Italien! Europäische Wege eines bilateralen Wirtschaftsabkommens

Das Recht auf Arbeitnehmerfreizügigkeit war noch nicht umgesetzt, als 1955 die ersten Männer und Frauen zum zeitlich begrenzten Arbeiten aus Italien in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) kamen. Von diesem Anwerbeabkommen zwischen Italien und der BRD profitierten besonders viele Menschen aus dem ärmeren Süden Italiens, aber auch die deutsche Wirtschaft, an deren „Wunder“ die Arbeiter_innen einen entscheidenden Anteil hatten.[1]

Rocco aus der süditalienischen Stadt Matera (Basilikata) war einer von diesen Menschen. Im Alter von 14 Jahren kam er mit seiner Familie nach Leverkusen. 1972 war das, als die große Zeit der Gastarbeiterbewegung beinahe vorbei war. Die wirtschaftliche Rezession und die Ölkrise führten dazu, dass 1973 der so genannte Anwerbestopp erlassen wurde, der den Zuzug von Ausländern beenden sollte.

"„Ciao Roberto! Basta così? Ottanta….Prego!“."

Rocco besuchte zunächst die Schule und lernte Deutsch mithilfe seiner deutschen Freunde. Ein Jahr nach seiner Ankunft in Deutschland starben seine Eltern bei einem Autounfall. Ab da kümmerte sich der ältere Bruder um ihn und seine Schwester. Sie lebten bei Freunden der Familie und er begann eine Kfz-Mechaniker-Lehre. Mit 19 lernte er seine zukünftige Frau, auch eine Italienerin aus Lecce (Apulien), auf der Arbeit kennen und sie heirateten kurze Zeit später. Ihre beiden Kinder besuchten einen deutschen Kindergarten. Für sie wünschten sie sich aber ein italienisches Leben und so zog die Familie 1984 zurück nach Italien, damit die Kinder auf eine italienische Schule gehen konnten. Für Rocco und seine Familie war damit klar, dass sie ihr weiteres Leben in Italien verbringen wollen. Er berichtet, dass es in Apulien jedoch auf Dauer keine Arbeit gab und die Familie deswegen 1995 wieder zurück nach Deutschland zog. Er fand direkt Arbeit bei der Firma LUX, einer Tochterfirma der OBI Gesellschaft. Er arbeitete gut und zuverlässig, wurde Qualitätsprüfer, dann Wareneingangsleiter. Er fühlte sich wohl in Deutschland und mochte seine Arbeit.

Seine Frau wollte aber zurück in die Heimat, weswegen die Familie 2008 wieder nach Lecce zog. Rocco wurde nach Bari versetzt und arbeitete in der gleichen Firma weiter. 2012 starb unerwartet der gemeinsame Sohn in Deutschland an einer Blutvergiftung. Die Tochter lebt mit ihrer Familie in Italien.

„Ciao Roberto! Basta così? Ottanta….Prego!“ Das Geschäft läuft neben unserem Gespräch weiter.

Vor fünf Jahren übernahm er einen Marktplatz in Lecce und verkauft seitdem Montag bis Samstag, vormittags und nachmittags bis in den späten Abend hinein lokale italienische Käse- und Wurstwaren sowie weitere haltbare Lebensmittel.

Während des Gesprächs fällt auf einmal für wenige Minuten der Strom im gesamten Markt aus. Es ist stockdunkel. Sofort hat jemand eine Kerze parat. „Whupp und tschüß!“ kommentiert Rocco gelassen-amüsiert. „Is' dat Wetter.“ beruhigt er uns und erzählt, was er über das Zusammenleben verschiedener Kulturen denkt. Auch hier zeigt sich sein pragmatischer Blick nach vorne: Es gäbe Blöde in Italien und Blöde in Deutschland, man müsse einfach schauen, mit wem man sich abgebe. In Deutschland waren die meisten freundlich zu ihm, erzählt er. Aber anpassen müsse man sich. Ohne anpassen, „...dat geht nich!“. Und er wünscht sich, dass die Menschen respektvoller und offener miteinander umgehen.

"Ihre Zukunft sieht sie in Deutschland."

Auch Cinzia, 21 Jahre, Erasmusstudentin in Lecce, hat italienische Wurzeln. Ihre Großmutter väterlicherseits, Santa, kam 1966 mit 17 Jahren auf Drängen ihrer Mutter in das ihr völlig fremde Land. Und obwohl Santa ihr weiteres Leben in Deutschland verbrachte, ist Cinzia sich sicher, dass ihre Heimat stets die sizilianische Stadt Catania blieb.

In Deutschland arbeitete Santa in einem Holzwerk im baden-württembergischen Pfalzgrafenweiler. Hier lernte sie auch ihren italienischen Ehemann kennen. Als sie sich entschieden eine Familie zu gründen, zogen sie es vor zu bleiben, um den Kindern eine bessere Zukunft bieten zu können. Cinzia erzählt, dass in der Region viele Italiener_innen wohnten und diese recht unter sich blieben. Es gab eine Schule eigens für die italienischen Kinder und sonntags trafen sich die Männer zum Kartenspielen ein paar Dörfer weiter. So lernten sich auch Cinzias Eltern (beide Kinder von ehemaligen „Gastarbeiter_innen“) bereits im Dorfkindergarten kennen, heirateten mit Anfang 20 und zogen ihre Kinder auch in dem kleinen süddeutschen Städtchen groß. Die langen Sommerferien nutzte die Familie aber immer für einen Urlaub in der „anderen“ Heimat. Erst zwei Wochen in der Heimat der Mutter nahe Neapel, dann zwei Wochen auf Sizilien. Wie die Zugvögel, meint Cinzia.

Als italienische Staatsbürgerin (wie auch ihre Eltern und ihre Schwester) macht sie seit Oktober 2017 Erasmus im eigenen Land. Hauptsächlich möchte sie ihr Italienisch verbessern und die Chance nutzen, einmal in Italien zu leben. Dass sie einmal länger in diesem Land leben wird, schließt sie dagegen aus. Dafür sei es ihr zu chaotisch, gerade die Bürokratie und die Universität. Auch, dass die Arbeitsperspektiven hier in Süditalien deutlich schlechter sind, ist ihr bewusst. Was sie aber auf jeden Fall in Deutschland vermissen werde, ist das gute italienische Essen und der große Markt, über den sie bei jeder Gelegenheit streift und Ausschau nach Artischocken, Mandeln oder Tintenfischtinte hält, um ihre Freunde zu einem mehrgängigen Abendessen einzuladen.

Ihre italienisch-deutschen Wurzeln sah Cinzia bisher immer als Bereicherung. Dieses Jahr überlegt sie, das erste Mal in Italien zu wählen („Berlusconi darf echt nicht wieder Präsident werden!“). Über kurz oder lang will sie sich aber um einen deutschen Pass bemühen. Ihre Zukunft sieht sie in Deutschland.

Zurück an Roccos Marktstand in Lecce. Wo ihre Heimat sei? „Jo, schon Europa... Wir sind doch Europäer!“, sagt Rocco. Für Cinzia ist Heimat da, wo Familie und enge Freunde sind. Vielleicht ist Heimat auch da, wo die Liebe zu gutem Essen vereint. Wo man sich auf Deutsch über italienischen Käse unterhält; der eine mit kölschem Dialekt, die andere mit schwäbischem Zungenschlag.

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[1]http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd?p=all

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