ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

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Warum wir kein Europa der Völker und Nationen, sondern der Europäer brauchen

Praça de Figueira, Lissabon.

Er hält mir eine Pistole an den Kopf.

An seinem Körper kombinieren sich abgelaufene Sportschuhe ungeschickt mit einer grauen Kapuzenjacke, die tiefe Falten wirft. Obwohl es nicht regnet, hat er sich die Kapuze aufgezogen.

Sein Blick ist hektisch, seine Beine zapplig. Schon vor dieser dussligen Sache mit der Pistole war er mir deshalb verdächtig und ich nicht überrascht, als er mir dann Hanf anbot. Die liberale Drogenpolitik Portugals zeigte sich auch hier von ihrer besten Seite: Während sich die Polizei vor allem auf die großen Fische konzentrieren kann, werden Kleindealer in der Fußgängerzone fast lästig, weil außer Touristen kaum einer bei ihnen kauft.

Auch ich lehne ab und wedele dazu meine Hand durch die Luft, als gilt es eine taktlose Stubenfliege loszuwerden. Doch entgegen meiner Geste, entscheide ich mich, unter der Kapuze nach einem Gesicht zu suchen. Ich finde auch eines. Eines, das dem Meinen in vielem gleicht. Auch er ist Anfang zwanzig und der jugendliche Flaum hat sich erst jüngst in einen stoppeligen Bart umgebildet. Außerdem besitzt er Nase, Mund und Ohren.

Aber da ist auch eine höhnische Härte in seiner Visage, die seine von meiner in dumpfer Urlaubsfreude erstarrten Miene, wesentlich unterscheidet. Diese Härte in seinem Antlitz ist der Ausdruck der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Portugal. Ganz sicher.

Was nun aus dieser blöden Sache mit der Pistole geworden ist? Jaja, wir kommen gleich darauf zu sprechen. Nur Geduld!

Während ich ihn also so mustere, bleibe ich ungewollt stehen. In brüchigem Englisch preist er mir deshalb erneut die Qualität seiner Ware. Nachdenklich geworden, antworte ich nicht. Er deutet das als Zustimmung, fährt fort in seinem Werben. Zeigt mir den Inhalt seiner Jackentaschen. Ich frage mich, warum er wohl hier steht, Geldsorgen, Nervenkitzel, falsche Freunde?

Ich komme wieder zu mir und lehne abermals ab. Der Versuch sich in ihn, der ich sein könnte, hinein zu versetzen, hat viele Fragen aufgeworfen und so füge ich meiner Ablehnung eine höflich gemeinte Nuance: „Du arme Wurst, tust mir leid“ bei. Das nervt ihn, und so beginnt er hässlich zu grinsen und fragt mich, ob ich eine Waffe kaufen wolle. Seine Sätze klingen jetzt wie einstudiert und als ich abermals verneine, zieht er blitzschnell einen Gegenstand aus seiner Hose und richtet ihn auf mich. Dazu stößt er filmreif aus:

„Du willst keine Pistole, aber du kriegst die Kugel.“

Das Smartphone, das er nun mit drei Fingern auf mich hält, beginnt zu beben, als er gezwungen in Gelächter ausbricht. Er meint: „War nur'n Witz“. Während seine Hand sich senkt und in die Hosentasche zurückschiebt, gardinenpredige ich ihn. Wieder denke ich mir: Was für eine arme Wurst. Seine Verabschiedung:

„Willkommen im Dschungel“

eskaliert die Situation.

Im Dschungel? Ich bin in Portugal unterwegs, einem europäischen Schwesterstaat. Da erwarte ich, ja wann immer ich in Europa reise, erwarte ich, in fremden Ländern Heimat zu finden. Die Gleichstellung von Mann und Frau, die Gedanken der Aufklärung, die Wissenschaft, Theater und Kunst prägen, der Rechtsstaat, der Wohlstand. All das ist Heimat und nicht Dschungel.

Pah.

Nach dieser Begegnung aber frage ich mich: Leben er und ich wirklich im selben Europa? Teilen wir unser Verständnis von Gesellschaft und Zusammengehörigkeit? Und wessen Perspektive ist eigentlich verschrobener? Meine, die versucht in jedem kleinst möglichem Nenner etwas allgemein Verbindendes zu sehen oder seine – das unterstelle ich ihm –, die aus der alltäglichen Lebenserfahrung die einprägsamsten Eindrücke kombiniert und ein Weltbild aus ihnen formt? Willkommen im Dschungel.

Insgeheim wünsche ich mir, ich wäre für ihn als einer der Seinen fühlbar gewesen. Und ich wünsche auch, er wäre einer der Meinen. Doch jede Verbindung, die sich zwischen uns ziehen ließe, wirkt künstlich und fern. Ja, wir sind Menschen, sind Europäer, sind ähnlichen Alters und wir sind sicher schon einmal über beide Ohren verliebt gewesen. Aber nichts davon scheint gemeinsam erstritten oder bewusst gewählt worden zu sein. Viel mehr, wirkt es gewöhnlich, lässt uns gleichgültig. Und so vermag es auch nicht uns zu verbinden. Er ist mir so fremd, wie ich ihm.

Es gibt keine geteilte Erfahrung, keine Geschichte, vielleicht auch kein gegenseitiges Interesse zwischen uns. Ich hätte ihn auf einen Kaffee einladen sollen, dann hätten wir uns kennengelernt. Aber das scheint mir auch keine machbare Lösung. Sie dürfen nicht vergessen, dass dieses spezielle Beispiel, hier nur einen allgemeinen Zustand beschreibt und es können sich doch nicht alle Europäer gegenseitig auf einen Kaffee einladen, nicht mal symbolisch, oder? Mh.

Streng genommen, müssten wir Menschen auch ohne einander persönlich zu kennen, hilfsbereit, respektvoll und höflich zu einander sein, wenn wir miteinander leben möchten. Machen wir es etwas theoretischer. Der Soziologe Richard Sennet sagt:

„Ein Staatswesen, das Menschen keinen tiefen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern, kann seine Legitimität nicht lange aufrecht erhalten“

Ein schöner Satz, über den es sich lohnt einen Augenblick zu grübeln. Nehmen Sie sich dazu ruhig etwas Zeit. Wir sehen uns im nächsten Absatz wieder.

Gehen wir diesem Ausspruch nach, merken wir, es steckt viel Gutes und Wahres in ihm. Genug jedenfalls, um in seiner Bedeutung von Barack Obama, in seiner Abschiedsrede über den Zustand der amerikanischen Demokratie, ausgeführt zu werden. Wir kommen darauf später noch zurück.

Zu Sennet: Da ist zunächst das Staatswesen, in unserem Fall, die EU. Dann, dieser sperrige Begriff Legitimität. Diese verstehe ich laienhaft so, dass jeder Bürger, der sich dem Gewaltmonopol der EU, ausgeübt und getragen von seinen Mitgliedstaaten, unterwirft, dies aus der Überzeugung tut, diese Macht sei rechtmäßig konzentriert. Sei „gute“, sei für den Einzelnen vorteilhaft gebündelte Macht. Soweit so unproblematisch.

Doch jetzt wird es haarig. Denn während Adenauer noch mit geschwollener Brust postulierte:

„Die Einheit Europas war ein Traum weniger. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für alle“,

scheint, hat sich auch am Wahrheitsgehalt dieser Aussage nichts geändert, die allgemeine Stimmung mit Blick auf Brexit, die Front National und was nun sonst noch so aufgezählt werden könnte, eine Andere zu sein. Deshalb sollten wir, während wir uns gründlicher in Sennets Ausspruch stürzen, etwas tun, dass immer angebracht ist: zweifeln.

Die EU, dieses Staatswesen, soll seinen Bürgern also einen tieferen Grund geben, sich umeinander zu kümmern. Ein tieferer Grund, was soll das sein? Wirtschaftliche Abhängigkeit oder Zusammenarbeit? Wohl kaum, wie die letzten Jahre zeigen. Was dann? Und dieses „umeinander kümmern“, geht doch sicher auch konkreter, was meinen Sie?! Und überhaupt: „Die Bürger sollen sich umeinander kümmern“? Jeder Monarch hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Der Mensch wird sich seiner Mitmenschen bewusst und verbrüdert sich mit ihnen? Dividende et impera kurz vorm Kentern. Wo aber das Volk den Souverän stellt, sich selbst regiert, also Demokratie, da hilft es, sich einig zu werden. Vielleicht nicht eins, aber doch einig. Und zwar in dem man sich umeinander kümmert. Was ist dieses Kümmern nun?

Obama traf in seiner Farewell Address hier den Nagel auf den Kopf:

„[Die Gründungsväter Amerikas] wussten, dass Demokratie ein grundlegendes Gefühl von Solidarität benötigt.“

Solidarität also. Klingt einleuchtend. Dann liegt es wohl an uns, diese Solidarität herzustellen, oder am Staatswesen? Jedenfalls brauchen wir sie, wollen wir Instabilität sowie den Verlust von Freiheit und Wohlstand vermeiden. Nicht nur aus Mitmenschlichkeit, sondern aus Pragmatismus sollte der Völkerverständigungsgedanke aus der Mottenkiste geholt und Europa zu einem gesamtgesellschaftlichen Projekt werden. Denn folgen wir der Idee, dass eine solidarische Gemeinschaft, die sich auch als solche wahrnimmt, unabdingbar für den Erhalt einer jeden Staatsform ist, dann reicht es nicht, wenn nur in Brüssel oder Straßburg europäisch gedacht und gehandelt wird. Dann darf europäisches Handeln und Denken nicht entkoppelt von der Bevölkerung stattfinden. Dann muss an erster Stelle stehen, dass von jedermann europäisch gedacht und gehandelt wird. Einen tieferen Grund dafür, eine Initialzündung, sollten uns die europäischen Institutionen geben. Gemeinsame, große Infrastrukturprojekte, wie eine Magnetschwebebahn von Lissabon bis Moskau und von Oslo bis Sizilien, Austauschprogramme, die nicht nur die Wohlsituierten und Studenten erreichen, sondern die aus einem europäischem Topf heraus, ein jedes Kind ins Ausland versenden, Brieffreundschaften in Schulen, verstärkte Fremdsprachenbildung, ein Interrailticket für alle 18-Jährigen, gemeinsame Straßenfeste, wissenschaftliche Kooperation, europäische Kaffeefahrten, Küchentisch- und Kunstprojekte, vor allem aber: Austausch von Mensch zu Mensch.

Denn ein Europa, in dem die Menschen sich solidarisieren, ist keines zwischen Völkern oder Nationen, sondern eines zwischen Europäern. Zwischen Europäern, die sich um einander kümmern. Europäern, die ihre Nachbarn zum Essen einladen, wenn der Apfelkuchen frisch aus dem Ofen kommt.

Europa als gemeinsame, alltägliche und freudebringende Aufgabe.

Das muss verstanden werden, denn ohne Zweifel lässt sich genschern:

„Europa ist unsere Zukunft. Sonst haben wir keine“

Europatriotische Grüße,

ihr Sascha Kodytek

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