ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

Foto: Stadt Chemnitz

Lob aus Brüssel, unterschiedliche Resonanz in Chemnitz: Europa-Arbeit in der Stadt

Derzeit bestimmt eine recht negative Stimmung den Diskurs um Europa und die Europäische Union (EU). Mit den anstehenden Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland beschwört die Presse nicht selten ein Untergangsszenario für die Europäische Union. Pia Sachs, die EU-Koordinatorin der Stadt Chemnitz, sieht das anders. Sie hält es für sehr unwahrscheinlich, dass die Europäische Union zusammenbricht. Deutlich sagt sie, dass es Menschen gebe, die an der EU und Europa zweifeln, aber ihrer Erfahrung nach sähen viele Menschen die EU als positiv und notwendig an.

„Gerade ältere Menschen, die den Krieg noch erlebt haben, sagen sehr oft, dass es gut sei, dass wir Seite an Seite mit den Franzosen stehen. Jugendliche sind diejenigen, die es als selbstverständlich ansehen und deswegen eher gleichgültig sind.“

Eine These, die Pia Sachs aufgrund zahlreicher durchgeführter Veranstaltungen aufstellen kann. Seit nunmehr 22 Jahren ist sie die EU-Koordinatorin der Stadt Chemnitz und zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Katja Kluge verwirklicht sie transnationale Projekte, gestaltet europaweite Aktionstage wie zum Beispiel den Europatag in Chemnitz, pflegt Kontakte zu diversen Netzwerken, wie etwa Eurocities, hilft bei der Beantragung von EU-Fördergeldern und zu guter Letzt betreibt sie die Öffentlichkeitsarbeit der EU-Stelle. So erscheinen vierteljährlich der Newsletter der EU-Stelle sowie der jährlich als Broschüre erscheinende EU-Bericht. Beide fassen die Arbeit der EU-Stelle gut zusammen.

Europa-Veranstaltungen in Chemnitz

An sich läuft die europabezogene Zusammenarbeit in der Stadt gut: diverse Veranstalter wissen, dass es Projekt- und Förderausschreibungen sowie den Arbeitskreis Europa der Stadt gibt. Dementsprechend finden jährlich zahlreiche Veranstaltungen statt. In Brüssel ist die Resonanz auf die Chemnitzer Veranstaltungen hoch: So erhält Chemnitz auch oft Lob und Pia Sachs darf etliche Preise für die Stadt Chemnitz entgegennehmen. Im Jahr 2016 beispielweise wurde Chemnitz als aktivste Stadt Deutschlands in der Europäischen Woche des Sports ausgezeichnet. In Chemnitz dagegen ist die Resonanz unterschiedlich. „Mal kamen viele Besucher, mal sehr wenige – ein Muster, das offenlegt, warum welche Veranstaltungen gut laufen, ist dabei nicht zu erkennen.“ Ihr Fazit ist:

„Die, die sich nicht für Europa interessieren, werden nicht wissen, was alles in Chemnitz passiert!“

Mehr Geld für Marketing ausgeben will Pia Sachs aber nicht. Inhalte kommen immer vor Werbung. Für eine Aktionswoche, wie etwa der Europa-Woche, habe sie ein Budget von rund 2000€. Für Werbung wird dann die Pressestelle der Stadt genutzt sowie der Newsletter. Bei gemeinsamen Veranstaltungen von der EU-Stelle und der Technischen Universität kann ebenfalls die Pressestelle für die Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden.

Pia Sachs, rechts, mit ihrer Mitarbeiterin Katja Kluge. Foto: Stadt Chemnitz
Pia Sachs, rechts, mit ihrer Mitarbeiterin Katja Kluge. Foto: Stadt Chemnitz

Die EU-Stelle und die Universität

Einen großen Profit sieht Pia Sachs in den Studienangeboten Europa-Studien und Europäische Integration der TU Chemnitz. Zum einen absolvieren viele StudentInnen dieser Studiengänge ein Praktikum bei der EU-Stelle und zum anderen veranstalten sowohl die Initiative Europa-Studien e.V. (i’es) als auch das Institut für Europa-Studien (IES) diverse öffentliche Veranstaltungen – wie zum Beispiel die Europa-Woche oder das vergangene Europa-Jahr. Dennoch könnte die Zusammenarbeit besser laufen. Oft bleibe die Universität mit ihren Veranstaltungen an der Universität: um Veranstaltungen einem noch breiteren Publikum zugänglich zu machen, wäre ein Veranstaltungsort in der Stadt, wie zum Beispiel dem Tietz, erstrebenswert. Zudem kann die EU-Stelle bei rechtzeitigem Eingang durch ihren Newsletter für die Veranstaltungen werben. Für Veranstaltungen muss das Rad meist auch nicht neu erfunden werden, der EU-Stelle liegen einige Konzepte vor. Es müssen auch nicht unbedingt mehr Veranstaltungen stattfinden, sondern neue Formate gefunden werden, die das Interesse der ChemnitzerInnen schüren. Ein Aufruf, der direkt an alle Studenten und die i’es rausgeht. Schließlich ist die Universität ja ein Ort zum Ausprobieren.

Europaverdrossenheit?

Eine Sache sieht Pia Sachs aber kritisch: die immer größer werdende Politisierung diverser Angebote. Oft höre man den Vorwurf, die EU hätte den Kontakt zu ihren BürgerInnen verloren. „Aber sie tut auch wenig dagegen!“ Als Beispiel dafür nennt Pia Sachs das Programm „Europa für BürgerInnen“:

„Es wird groß gedacht, es können über 10.000 € beantragt werden und es sollen möglichst viele Partner beteiligt sein. Doch was haben davon kleine kommunale Vereine?“

Die Möglichkeiten mit EU-Mitteln im kleinen, lokalen Bereich zu arbeiten, seien beschränkt. Es scheint mittlerweile zu aufwendig einen Förderantrag zu stellen, die Chancen auf Bewilligung zu gering. Im Endeffekt werde mehr Frust als Lust erzeugt. Kleinteiliges Arbeiten sei manchmal eben vorteilhafter und damit kann einem Verein vor Ort die Möglichkeit gegeben werden, etwas zu veranstalten, dass nicht 10.000€ kostet und einen enormen Zeitaufwand bedeute, sondern dem Arbeitsaufwand eines ehrenamtlich arbeitenden Vereins entspreche. Die aktuelle Lage der Vergabe von Fördergeldern wirke oft top down und das wiederum verstärke das Gefühl der Europaverdrossenheit. Pia Sachs Vorschlag geht dahin, dass EU-Gelder für die Arbeit mit Bürger auf die nationalen Regierungen verteilt werden und diese wiederum eine kommunale Verteilung vornehmen sollten. Gerade den Freistaat Sachsen sieht sie in der Pflicht, mehr für die europabezogene Arbeit zu unternehmen.

Bang schaut Pia Sachs aufgrund der aktuellen Stimmung gegenüber Europa in die Zukunft, aber sie ist offensichtlich optimistisch:

„Solange die Mehrheit anders denkt, bleibt Hoffnung.“

Europa liegt ihr am Herzen und Chemnitz bemüht sich um Europa. An und für ihre Arbeit sieht sie keine Zweifel: Europa-Arbeit werde immer wichtig sein. Mit einem schmunzelnden Blick in die Zukunft weist Pia Sachs auch nochmal auf die Bedeutsamkeit ihrer Stelle hin. Stichwort ist die Bewerbung Chemnitz‘ als Europäische Kulturhauptstadt 2025. Dabei geht es nicht darum, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen, „sondern darum, eine Geschichte zu erzählen. Und Chemnitz hat sehr viele Geschichten zu erzählen.“ Die eine oder andere Projektförderung würde über die EU-Stelle laufen, Veranstaltungen verwirklicht und Marketing betrieben. Ohne die Arbeit von Frau Sachs und ihrer Mitarbeiterin ginge das nicht.

Und was bedeutet die EU nun für Chemnitz?

„Geographisch, kulturell, und politisch entscheidet die EU in Chemnitz mit.“

So kommen zum Beispiel die Beschlüsse, die der Stadtrat umsetzt, größtenteils von der EU. Viele Projekte, Veranstaltungen und Baumaßnahmen können nur mithilfe von EU-Fördergeldern umgesetzt werden. Und kulturell gesehen ermöglicht die EU, gerade aufgrund der geographischen Lage von Chemnitz in einer grenzüberschreitenden Region, ein gegenseitiges voneinander Lernen. Vieles passiert, ohne dass es uns Chemnitzer bewusst ist, dass es ohne die EU nicht möglich wäre. Vielleicht sollten wir die Bedeutung der EU von Chemnitz wieder mehr ins Bewusstsein rücken, um der Europaverdrossenheit entgegenzuwirken. Und wenn schon Lob aus Brüssel für die Europa-Arbeit in Chemnitz kommt, muss diese offensichtlich nur noch bekannter gemacht werden.

Vielen Dank an Pia Sachs und ihre Mitarbeiterin Katja Kluge für das angenehme Gespräch. Aktuelle Informationen findet Ihr auf der Webseite der Europa-Arbeit der Stadt Chemnitz. Spezielle Informationen zu EU-Förderungen findet Ihr hier. Und der aktuelle Newsletter kann hier gelesen werden. http://www.chemnitz.de/chemnitz/de/die-stadt-chemnitz/europa/eu-foerderung/index.html. Und den aktuellen Newsletter der EU-Stelle könnt Ihr hier finden.

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