ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

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Der Krümmungsgrad von Gurken

Der Ausdruck Europaverdrossenheit begegnet einem derzeit nahezu täglich. Meist muss er herhalten, wenn in Zeitungen eine Erklärung für das Erstarken rechter Parteien oder für den Brexit gesucht wird. Doch der Begriff bedarf selbst einer Erklärung.

Europa ist an sich schon mehrdeutig. Mit Europa kann eine geographische Region gemeint sein, die Europäische Union oder die Idee von einem vereinten Europa. Für Verdrossenheit wiederum bietet der Duden allerlei Synonyme: von Ärger und Frustration über Wut und Zorn bis hin zu Verbitterung. Hier stellt sich die Frage, ob Verdrossenheit sich darin ausdrückt, über etwas verärgert zu sein und es verbessern zu wollen, oder verärgert zu sein und es komplett abzulehnen.

Wir haben Studierende der Europa-Studien an der TU Chemnitz befragt, wie sie das Phänomen der Europaverdrossenheit einschätzen. Wir fragten nach einer Beschreibung des Begriffs und möglichen Herangehensweisen, um Europaverdrossenheit vorzubeugen.

Der Versuch einer Erklärung

„Denn die Angst vor Europaverdrossenheit ist eigentlich die Angst vor Zusammenarbeitsverdrossenheit. Doch aus meiner Perspektive ist es nicht die Idee von Gemeinschaft, die den Menschen missfällt sondern der Eindruck, dass die Probleme zwar internationaler werden, nicht aber deren Lösung. So hat man anstelle des Traums von gleichberechtigten Partnern eher den Eindruck eines hierarchischen Cliquen-Verhältnisses. (…) Die Verdrossenheit kommt meines Erachtens daher, dass ein Großteil der Bevölkerung der EU nichts hilfreicheres und sinnvolleres zutraut als den Krümmungsgrad von Bananen festzulegen.“ So formuliert es eine der befragten StudentInnen.

Bananen und Gurken wurden tatsächlich sehr häufig genannt. Ansonsten waren die Sichtweisen auf das Phänomen der Europaverdrossenheit jedoch sehr unterschiedlich. Die einen erklärten sich das Phänomen anhand der Unwissenheit vieler BügerInnen über die Errungenschaften der EU, die anderen sahen eine (gefühlt) verfehlte EU-Politik als Auslöser für die Europaverdrossenheit. Und wieder andere nahmen ein absolutes Desinteresse an der EU als Grund an.

In den verschiedenen Erklärungen der Europa-StudentInnen waren sich dennoch alle einig, dass das Phänomen der Europaverdrossenheit mehr die Politik der EU adressiere als die abstrakte Idee eines zusammenstehenden Europas.

Wie umgehen mit diesem Phänomen?

Bei Europaverdrossenheit scheint es mehr um Gefühle zu gehen als um Fakten. Daher kam auch von allen der Vorschlag, dass EU-BürgerInnen mit ihren Ängsten zugehört werden soll, um dann sachliche Argumente entgegenzustellen. Um einer Europaverdrossenheit – egal auf welcher Ebene sie sich abspielt – entgegenwirken zu können, sei Aufklärungs- und Bildungsarbeit notwendig. Durch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit sollen die Errungenschaften der Europäischen Union dargestellt werden, da diese wohl zu oft missachtet wurden, allen voran die Grundfreiheiten der EU. Ein Vorschlag war auch, den Worst Case klarer zu benennen: was wäre, wenn die EU und Europa so nicht mehr bestünden? Zudem wurde noch die grundsätzliche Wirtschaftspolitik kritisiert:

„Aus meiner linken Perspektive wünsche ich mir natürlich eine Abkehr von neoliberalen Wirtschaftsideen, die für mich der Auslöser der derzeitigen Krise sind und waren. Deshalb glaube ich, dass nur eine starke linke Politik die europäische Idee voranbringen kann. Damit ist allerdings kein linker Populismus gemeint, denn wenn man heutzutage Antworten liefern will, müssen sie auch der Komplexität der Fragestellung entsprechen und dem Wähler keine simplifizierende Antwort bieten. Denn das könnte ihn täuschen, oder wenn es ihn nicht täuscht, fühlt er sich nicht als politisch denkender Mensch ernst genommen.“

Eine Antwort nahm die gestellte Frage „Wie ankämpfen gegen Europaverdrossenheit?“ wortgetreu, und ließ wissen, dass ankämpfen zu gewalttätig sei und man eher nach einer Möglichkeit des Entgegensteuerns fragen sollte.

Europa in 20 Jahren?

Die Frage „wie stellst du dir Europa in 20 Jahren vor?“ war mit Absicht allgemein gehalten, um möglichst verschiedene europäische Utopien genannt zu bekommen. Beschrieben wurden jedoch eher Szenarien:

„Wunschvorstellung: Die Mitgliedsstaaten der EU konnten sich sowohl inner- und außenpolitisch zusammenraufen und aus Fehlentscheidungen lernen. Neue Konzepte erstellen und umsetzen in Bezug auf das Europa- und EU-Verständnis. Befürchtung: Das vereinte Europa und die Europäische Union wird als lose Wirtschaftsunion bestehen bleiben und alles Weitere wird in den Geschichtsbüchern stehen.“

„Ich habe Angst, mir das vorzustellen. Wenn ich heute schon sehe, wie die EU langsam zerbricht, sich Staaten nicht an vereinbarte Regelungen halten bzw. an der EU nur das wirtschaftliche Plus sehen, sehe ich schwarz für die Zukunft Europas. Natürlich glaube ich nicht, dass in 20 Jahren es keine EU mehr gibt, aber ich denke, die Ziele haben sich dann geändert. WIRTSCHAFT, PROFIT, HANDEL. Ich hoffe, dass die Grundsätze, auf denen die EU gegründet wurde, dann noch bestehen.“

Einige wenige nannten ein gerechteres, sozialeres, friedlicheres Europa mit einer vielfältigen und offenen Gesellschaft. Genaueren Aussagen, wie wir dahin kommen könnten oder wie diese Gesellschaft in Zukunft genauer aussehen könnte, fehlten jedoch.

Warum? Darum!

Warum studieren wir denn Europa?

„Ich wollte die Hintergründe und die Zusammenhänge des aktuellen politischen Handelns lernen, um zu verstehen, welche Denkmuster den heutigen Problemen zugrunde liegen. Ich wollte die sozialen und kulturellen Begebenheiten kennenlernen, um passfähige Alternativen entwickeln zu können.“

Diese Antwort soll beispielhaft für viele stehen. Außerdem kam in den Antworten durch, dass Interdisziplinarität den Studiengang vielen schmackhaft gemacht hat. Es scheint an uns, Europa neu zu denken und das Konstrukt Europa immer zu hinterfragen. Ein Beispiel dafür gibt das Interview mit Frau Friese.

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