ES-Spiegel - Das Magazin der Europa-Studien

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„Das Paradies auf Erden stelle ich mir als Hölle vor“

Prof. Dr. Heidrun Friese ist Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz. Ihr Forschungsgebiet ist weit gefasst: Unter anderem forscht sie zu Kultur- und Sozialtheorien, Konzeption von Zeit, Raum und Grenzen sowie zu (kulturellen) Identitäten.

Frau Prof. Dr. Heidrun Friese, im Vorgespräch hatten Sie gesagt, dass Sie überzeugte Europäerin sind. Was bedeutet das?

Ja, klar bin ich überzeugte Europäerin! Nicht nur in der derzeitigen Lage, sondern auch schon früher ist Europa die einzige Chance, weltweit zu bestehen. Europa ist die einzige Chance, das zu retten, was noch an den Resten eines europäischen, sozialstaatlichen Modells übriggeblieben ist. Das schaffen Nationalstaaten auf keinen Fall allein. In bilateralen Vereinbarungen können nationale Regierungen unmöglich das Gewicht haben, wie es die Europäische Union hat, wäre sie nur endlich mal vereint. Wir brauchen mehr Europa und nicht weniger, das heißt wir brauchen mehr europäische Integration. Es ist also ein dezidiert politisches Argument, wenn ich sage, dass ich überzeugte Europäerin bin.

Wie sehen Sie die aufkeimende Europaverdrossenheit?

Ich sehe, dass es derzeit politische Kräfte gibt, die meinen, mit dem Rückzug ins Nationale ließen sich Probleme lösen, die sich in Europa nicht lösen lassen. Das ist eine ganz eindeutige Fehleinschätzung. Es ist eine verheerende politische Entwicklung, zu meinen, dass Nationalstaaten – samt Nationalismus, Rassismus, mit all diesen Dingen, die wir schon einmal erlebt haben – die Lösung seien, dass man damit gegen Globalisierung, gegen irgendwelche Finanzmächte auch nur irgendetwas ausrichten könnte. Ich sehe diese aufkeimende Europaverdrossenheit als große Gefahr.

Und was kann gegen dieses Phänomen unternommen werden?

Schwierig. Ich denke, es hat keinen Sinn eine europäische Identität von oben verordnen zu wollen. Das klappt nie. Es kann kein Gremium beschließen, wie die Menschheit zu fühlen hat. Zu sehen bei Unternehmenskultur – der Vorstand kann nicht von oben entscheiden, wie die Unternehmenskultur aussieht, wie sich Angestellte fühlen sollen. Identität ist nichts, was top-down passiert. Das Wichtige ist, aufzuzeigen, dass Europa unsere Chance ist, Zusammenleben zu gestalten.

Ich glaube, man muss an zwei Dingen arbeiten. Erstens an einer größeren, demokratischen Legitimierung von Europa. Das kann man mit direkten Wahlen und all den Vorschlägen, die es dahingehend schon gibt, erreichen. Und zweitens muss man deutlich zeigen, dass der Nationalstaat spätestens seit der Globalisierung seine Bedeutung verloren hat. Und dass solche Versuche – Trump ist ein schönes Beispiel – zum Scheitern verurteilt sind.

Wie kann Europa politisch gedacht werden, um gegen dieses Demokratiedefizit anzukämpfen?

Es gibt schon einige Vorschläge: direkte Wahlen, Rechte des Parlaments gegenüber der Kommission stärken, also an den europäischen Strukturen schrauben. Den BürgerInnen muss klarwerden, wie sehr Europa schon in unserem Alltag verankert ist. Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo man an Grenzen festgesteckt ist, Koffer zu öffnen hatte, allerhand Fragen über sich ergehen lassen durfte und Geld wechseln musste. Ich denke da an Ihre Generation, die alles als selbstverständlich hinnimmt und vergisst, dass Rechte und Freiheiten auch wieder zurückgeschraubt werden können. Die jetzige Generation muss mehr aus den Puschen kommen, die haben es verbockt – Stichwort Brexit. Wäre die Erasmus-Generation aus den Puschen gekommen und zur Wahl gegangen, wäre das nicht passiert. All diejenigen, die meinen, „das interessiert uns gar nicht“ oder „das ist eine sichere Sache“, die müssen wieder in die Gänge kommen. Das ist auch ein demokratischer Prozess. Diese Generation ist jetzt dran!

Wie können junge Menschen denn dazu motiviert werden sich einzusetzen?

Auch hier muss man an die positiven Dinge anknüpfen, wie zum Beispiel Freizügigkeit. Ich selber bin in zwei Ländern Europas zu Hause. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es den Menschen nun gehen muss, die jahrelang in Großbritannien gelebt und gearbeitet haben. Man muss an diese Vorteile appellieren und gerade der jungen Generation deutlich machen, dass diese Errungenschaften nicht selbstverständlich sind. Junge Menschen sind in der Pflicht. Meine These ist, dass junge Leute apolitisch geworden sind. Aber genau diese Generation sollte auf die Straße gehen, sich neue Protestformen ausdenken und für den Erhalt ihrer Rechte einstehen.

Prof. Dr. Heidrun Friese/ Foto:privat
Prof. Dr. Heidrun Friese/ Foto:privat

Fehlt uns EuropäerInnen denn eine europäische Utopie?

Definitiv denken wir, beziehungsweise die jetzige Generation, zu realistisch. Ernst Bloch sagte: „Utopie verweist immer auf das, was fehlt.“ Utopien sind folglich handlungsweisend, sind Horizonte. Ohne Imagination und ohne Imaginäres wird alles sinnlos. Egal ob wir es erreichen, brauchen wir Ziele, also eine Vorstellung von einem guten Leben, denn das ist das Handlungsweisende. Utopien bleiben immer utopisch. Dürfen sie auch, müssen sie auch. Nie ist irgendetwas perfekt, wir sollten nie nach Perfektion streben. Das Paradies auf Erden stelle ich mir als Hölle vor.

Eine gesamtgesellschaftliche Utopie ist mit dem Verfall der bipolaren Welt zusammengebrochen. Meine Generation hatte noch einen utopischen Kommunismus als gesellschaftliche Utopie. Daran hat man sich orientiert und das hat eben auch Ansprüche an das eigene Leben ausgemacht.

Auf welche politischen und kulturellen Ressourcen können wir in Europa zurückgreifen, um eine europäische Utopie zu entwerfen?

Die Utopie selbst ist als Ressource zu verstehen. Wir können auf den Universalismus der Aufklärung zurückgreifen und müssen die Staatsbürgerschaft neu denken, Nationalstaaten wegdenken. Es bleibt das Paradox der Demokratie, dass das ‚Volk‘ entscheidet – doch wer gehört zu diesem Volk dazu? Es werden immer auch Menschen ausgeschlossen. Wir müssen die Vermischungsgeschichte ernst nehmen und damit Offenheit und Vielfalt als Ressource begreifen. Wichtig ist es, mit diesen Ressourcen immer möglichst kreativ umzugehen. Schon 1784 zum Beispiel schreibt Herder: „In keinem der Weltteile haben sich die Völker so vermischt wie in Europa.“ Herder sieht darin das höchste Kulturgut Europas. Und das wurde schon Ende des 18. Jahrhunderts gedacht.

Um wessen Europa handelt es sich hier eigentlich?

Wie schon erwähnt, stellt uns das westliche Denken vor ein Problem: das Paradox der Demokratie. Es gibt derzeit eine Haltung, die ich auch kritisch sehe. Hier wird von einer Dreiteilung des politischen Raumes ausgegangen: Volk, Bewegung und Staat beziehungsweise Justiz. Was unter anderem auch schon Carl Schmitt im Kontext des neuen Staates 1933 gesagt hat. Wer ist denn das Volk? Laut AfD der Volksgenosse: in Deutschland geboren und bestenfalls Arier. Feinster nationalsozialistischer Aufguss. Ich finde Engin Isin interessant, der von einem ‚activist citizenship‘ spricht. Darunter werden alle verstanden, die aktiv sind, um Politik mitzugestalten. Das heißt, egal wo Menschen geboren sind: sobald sie sich einbringen, sind sie BürgerInnen. Darunter zählen dann auch Flüchtlinge oder Illegale. Das ist Hannah Arendt weitergedacht: „Das Politische oder der politische Raum, das ist das, wenn Menschen gemeinsam handeln.“ Politisch wird es folglich erst, wenn Menschen gemeinsam handeln. Nach griechischer Tradition streng vom Privaten zu trennen, gilt folglich das öffentliche Handeln als politisch. Alle, die sich für das Gemeinsame einsetzen, über gemeinsame Angelegenheiten mitbestimmen, gelten als StaatsbürgerInnen. Damit ist eine Staatsbürgerschaft qua Geburt hinfällig, da diese ungerecht ist.

Gibt es dann ein europäisches Wir?

Das Wir – das alte Judith Butler-Problem – ist ein echtes Problem. Wer ist dieses Wir? Nietzsche sagte einst: „Wir guten Europäer sind irgendwie zu aufgeklärt und zu religionskritisch, um diesem Nationalstaat und dem Nationalismus weiter zu verfallen.“ Dieses Wir ist also auch durch ‚activist citizenship‘ zu erklären. Wir beschreibt dann alle, die aktiv sind. Es geht um die Multitude. Ein Wir bestimmt sich immer situativ, niemals vorgegeben. ‚Wir’ ist nichts Feststehendes. Es ist nicht Wir in Europa, die sich von Afrika abgrenzen. Es ist nicht das Wir feststehender Identitäten. Das Wir ist immer ein bewegtes Wir, das immer situativ entscheidet, ob es ein Wir sein möchte.

Ein Wir, das immer schon außerhalb von sich selbst steht. So sehe ich das. Das ist jetzt ein theoretisches Argument, aber ich bin ja auch keine Politikerin, sondern Wissenschaftlerin. Ich denke über die Dinge nach. Diese Fragen dann immer: „Und wie soll das denn konkret aussehen?“ – Weiß ich auch nicht!

Wir sind uns immer schon fremd – so müssen wir die Dinge sehen. Ich plädiere daher für ein Europa, das sich immer auch fremd ist. Da schließe ich mich vielen DenkerInnen an, das habe ich jetzt nicht alles selbst gedacht.

Was sind Ihre Wünsche an die Wissenschaft in Bezug auf Europa?

An der TU Chemnitz gibt es sehr viel, das Institut für Europäische Studien organisiert sehr viel. Der Austausch zwischen den Instituten bleibt leider gering. Nicht, da kein Interesse besteht, sondern da kaum Zeit vorhanden ist, sich außerhalb des eigenen Instituts einzubringen.

Wir müssen in der Wissenschaft über nationale Diskurse hinausgehen, gerade in den Sozial- und Kulturtheorien. Es gibt kaum einen Austausch von Diskursen, die außerhalb des Nationalstaates ablaufen. Es sollte mehr rezipiert werden, was es in anderen Ländern gibt. Zum Beispiel ist die französische Soziologie in Deutschland nicht bekannt. Ich schätze, dass es in der Wissenschaft eine Verschiebung von 10 Jahren gibt, so dass wir in 10 Jahren die Theorien untersuchen, die derzeit in Frankreich aktuell sind. Zudem haben wir eigentlich gar keine Ahnung, was in Skandinavien abläuft. Der europäische Wissensaustausch muss aufgebaut und intensiviert werden. Auch die Lehre im Ausland sollte vereinfacht werden.

Und was ist Ihre persönliche Utopie für Europa?

Ein demokratisch vereinigtes Europa, das sich selbst fremd ist und immer bleibt, das sich niemals identisch ist. Ein offenes Europa, ohne Grenzen. Ein Europa, das nicht europazentrisch ist. Ziemlich utopisch, oder? Und ich denke, wir sollten uns an Tunesien ein Beispiel nehmen. Da sind die jungen Leute für ihre Rechte auf die Straße gegangen, und das hatte auch keiner erwartet. Vielleicht passiert mit der jungen Generation ja doch noch was.

Danke für das anregende Gespräch!

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Leseempfehlungen von Frau Friese:

  • Jaques Derrida: Das andere Kap. Die vertagte Demokratie.
  • Brague, Rémi (1993). Europa. Eine exzentrische Identität (übers. G. Ghirardelli). Frankfurt am Main: Campus (orig. Europe, la voie romaine. Paris: Criterion, 1992).
  • Dipesh Chakrabarty: Provincialising Europe.
  • Edgar Morin: Europa denken
  • Chantal Mouffe (2013). Das demokratische Paradox (übers. O. Marchart). Wien/Berlin: Turia & Kant.
  • Liebling von Prof. Dr. Friese: Mignolo, Walther: Local Histories/Global Designs.
  • Alle Klassiker des Postkolonialismus, da diese uns nicht nur Demut lehren (Europa ist nicht der Nabel der Welt)

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